Streiten muss sein! – Ein Kommentar zum interreligiösen Dialog

2 Nov

Man darf nicht nur über interreligiösen Dialog sprechen – es müssen Taten folgen! Unter diesem Motto trafen sich mehr als 50 Vertreter unterschiedlicher Nationen und Religionen zur URI (United Religions Initiative) Konferenz in Istanbul. Euphorisch sah man auf die Zukunft des Dialogs – doch die wirklichen Probleme wurden nicht angesprochen. Von MIRIAM TRESCHER

Es gibt drei Feinde des interreligiösen Dialogs: Ignorance, Poverty und Separation. Das zumindest wurde auf der URI Konferenz gesagt. Doch ein Feind wurde nicht genannt, und er ist der größte Feind: Schönmalerei. Die rosarote Brille. Friede-Freude-Eierkuche-Mentalität. Denn wirkliche Konflikte wurden nicht angesprochen. Die Tatsache, dass ein junges Mädchen aus den Arabischen Emiraten heimlich zur Konferenz anreisen musste, weil der Dialog unter anderem in ihrer Heimat Dubai verpönt ist, wurde unter den Tisch gekehrt. Konflikte wie Krieg, Terrorismus und Islamophobie wurden nicht angesprochen. Es wurde sogar versucht, das Wort Fundamentalismus neu zu besetzen, den negativen Wert des Wortes zu vertuschen.

Dabei weiß man auch in der theoretischen Reflexion von interreligiösem Dialog: Streiten muss sein. Zu einer Partnerschaft gehöre Hansjörg Schmid zufolge auch, Konflikte zuzulassen und auszutragen, da sie keine Infragestellung der Beziehung seien, sondern im Gegenteil diese stärken:

„Gleiche Augenhöhe ist vielmehr im Wortsinne eine Errungenschaft. Sie muss offenbar im Medium einer Streitkultur, bei der tatsächlich etwas auf dem Spiel steht, sowie unter Inkaufnahme großer Risiken erst mühsam errungen werden.“

Also ist Dialog eben nicht nur das gemeinsame Streben von 50 Individuen nach dem Weltfrieden – sondern auch knallharte Auseinandersetzung. Es reicht nicht, ein paar Moslems, Christen, Hindus und Buddhisten in einem schönen Hotel zu versammeln. Es reicht nicht, sich nur auf Gemeinsamkeiten zu besinnen und die Unterschiede und Konflikte unter den Teppich zu kehren. Es reicht nunmal nicht, wenn aufgeschlossene Einzelpersonen sich für den interreligiösen Dialog einsetzen. Es reicht eben nicht, wenn auf einer URI Konferenz ein Hindu und ein Moslem problemlos miteinander schäkern und diskutieren können – der Dialog sollte dort hin getragen werden, wo dies noch nicht möglich ist. Zwar haben die Teilnehmer der URI Tagung viel gelernt – vor allem was Optimismus betrifft. Doch wenn sie tatsächlich einmal zwischen die Fronten eines lange brodelnden Konflikts geraten, dann sind sie – auf gut Deutsch – wohl aufgeschmissen. Aber wie auch von Schmid angemerkt, liegt hier der Knackpunkt auf dem Weg hin zu
einer echten Partnerschaft, gerade wenn der Dialog „trotz vielleicht eines verbalen Ausrutschers“ fortgesetzt wird.

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MIRIAM TRESCHER

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2 Antworten to “Streiten muss sein! – Ein Kommentar zum interreligiösen Dialog”

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  1. Streiten muss sein – Ein Kommentar zum interreligiösen Dialog | Miriam Trescher - November 2, 2010

    […] Weg mit der Friede-Freude-Eierkuchen Mentalität. Ein Kommentar über den größten Fein im interreligiösen Dialog auf Religioscienco […]

  2. Interreligiöser Dialog « "Ich würde es genauso wieder machen" (Sophie Scholl) - Mai 30, 2012

    […] sich kennenlernen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten aneinander wahrnehmen und feststellen, dass man trotzdem ganz gut miteinander leben kann? Schließlich können sich sogar Ehepartner jede Menge streiten und trotzdem miteinander glücklich […]

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