Und was studierst du so?

3 Sep

Es ist Sonntag Nachmittag. Vor dem Gartenzaun eines gutbürgerlichen Einfamilienhauses im Münchner Stadtteil Giesing stehen einige Autos. Alles wirkt idyllisch, unauffällig und ruhig.

Im Inneren des Hauses jedoch geht die Post ab. Etwa dreißig Menschen tummeln sich im Raum, die Luft ist gefüllt vom schweren Duft der Patchouli-Räucherstäbchen. An der Wand ist ein farbenfroher Altar angebracht, vor welchem Opferschalen mit Essen stehen. Ein kahlköpfiger Mann schlägt eine exotisch aussehende Trommel, die anderen tanzen ausgelassen durch den Raum und singen voller Freude: „Hare Krishna, Hare Krishna, Hare Krishna Hare Hare….“

Mitten in dem Getümmel stehen drei junge Frauen mit Kamera, Block und Stift. Interessiert und fachmännisch begutachten sie das Geschehen und dokumentieren es in Schrift und Bild. Die drei Mädels sind Studierende der Religionswissenschaft bei ihrer Feldforschung.

„Ich studiere Religionswissenschaft.“
„Aha, also Theologie, oder?“
„Nein, Religionswissenschaft.“

Diesen Dialog führt jeder Studierende der Religionswissenschaft mindestens 100 Mal auf seinem Weg vom Ersti zum Magister. Doch verwunderlich ist die Unwissenheit der breiten Masse über das Studienfach nicht, denn die Religionswissenschaft ist noch eine sehr junge Disziplin. An der LMU in München beispielsweise hat die Religionswissenschaft erst vergangenes Jahr stolz ihr zehnjähriges Bestehen als eigenständiger Studiengang gefeiert, zuvor war sie als „Religions- und Missionswissenschaft“ der Theologie untergeordnet. Eine lange, mühsame Emanzipation liegt hinter der RW, bis sie sich zu einer objektiven, kulturwissenschaftlichen Disziplin gemausert hat. Doch was untersucht die Religionswissenschaft?

Religion, ist klar. Aber so klar ist das gar nicht. Denn wo steckt man das Forschungsfeld ab? Was ist denn alles Religion? Sich auf die fünf „Weltreligionen“ zu beschränken, würde dem Fach nicht gerecht werden. Welche Bewegungen und Kulte sollen untersucht werden, und welche nicht? Die Grenzen sind fließend. Man hat sich dann darauf geeinigt, „Sinn-, Deutungs- und Symbolsysteme“ unter die Lupe zu nehmen.

Was also untersucht ein Religionswissenschaftler?

Und weil die RW einen kulturwissenschaftlichen Anspruch erhebt, werden nicht nur die Glaubensinhalte untersucht, sondern auch die Praxis der Gläubigen, Machtkonstellationen in der Religionsgemeinschaft und die Einbettung derselbigen in die Gesamtgesellschaft, politische Implikationen, psychologische Auswirkungen, ökonomische Strukturen und Voraussetzungen und körperliche Reaktionen. Wie zum Beispiel finanziert sich eine neue religiöse Bewegung? Welche Rolle spielen Körperliche Reize wie Geruch bei einer Zeremonie? Zeigen Religionsstifter  psychologische Auffälligkeiten? Warum machen auf einmal so viele Menschen Yoga und stellen sich Buddha-Statuen in die Wohnung? Wie organisieren sich religiöse Gemeinschaften, wenn sie sich außerhalb ihrer gewohnten Umgebung befinden, vor allem durch Migration?
Nur sehr wenigen ist zum Beispiel bewusst, wie groß die religiöse Vielfalt in München ist. Neben der ISKCON, der eingangs beschriebenen Hare-Krishna-Bewegung, und den bekannteren Vertretern wie Muslimen und Juden gibt es unter anderem eine Sikh-Gemeinde, afrikanische Religionen, Buddhisten, Hindus, Scientologen und natürlich alle Facetten des Christentums.

Gut, man sieht, das Studium ist spannend. Aber nur zum Spaß studiert ja schließlich in Zeiten von Studiengebühren keiner, also was macht man dann als frisch gebackener Magister? Hier nur einige Beispiele: Integrationsarbeit, interreligiöser Dialog, Entwicklungshilfe, Forschung, … oder meine persönliche Wahl: Sich einen Platz in der Medienwelt ergattern, um mit meinem Wissen Spiegel-Titelthemen wie „Der Islam“ mit brauchbaren Inhalten zu füllen.

MIRIAM TRESCHER

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: