Jonestown

3 Sep

Am 18. November 2008 sind genau 30 Jahre vergangen seit 914 Mitglieder
des Peoples Temple, unter ihnen mehr als 270 Kinder, bei einem
Massensuizid in Jonestown starben. Doch was hat diese Menschen zu
dieser Tat gebracht und wie kann man diese Tragödie
religionswissenschaftlich einordnen? Wir werden versuchen in diesem
Artikel mögliche Antworten auf diese Fragen zu finden.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, auf das Leben von Jim Jones,
dem Gründer von Peoples Temple, einzugehen.
Jim Jones wird am 13. Mai 1931 als James Warren Jones in Crete,
Indiana geboren. Er wächst in sehr ärmlichen Verhältnissen in Lynn
auf. Er hat keine gute Beziehung zu seinen Eltern und wird von ihnen
vernachlässigt. Jones ist schon als ein kleines Kind von Religion und
Tod fasziniert. Er hält Predigten für Nachbarskinder und bestattet
tote Tiere. Im Laufe der Zeit findet er in der Pfingstbewegung eine
Gemeinde, in der er sich wohlfühlt. 1949 zieht er mit seiner Frau nach
Indianapolis, wo er seine liberalen Ansichten der Rassenintegration
vertritt.

Doch in der konservativen Stadt trifft er auf kein
Verständnis und wird von den Anwohnern sogar angegriffen. Deswegen
gründet er 1955 in Indianapolis den Peoples Temple Christian Church
Full Of Gospel, kurz Peoples Temple genannt; später zieht er nach San
Francisco. In seiner Gemeinde predigt er  Rassengleichheit innerhalb
einer utopischen Gemeinschaft ohne Hass und Gewalt.

In dieser Gemeinschaft nimmt er eine ganz besondere Rolle ein: die des Messias.
Er ist der Meinung, dass er die Macht dazu habe die Menschheit von
ihrem Leid (Rassentrennung, Hunger, Armut etc.) zu befreien. Seine
Botschaft bezeichnet er selbst als ‚Apostolic Socialism‘; sie ist eine
Mischung aus Sozialismus und christlichem Erlösungsglauben. Der Temple
gewinnt von Jahr zu Jahr immer mehr Mitglieder.

In den frühen 70ern wird die Zahl der Mitglieder auf drei bis fünf Tausend geschätzt. Dieser Zuwachs hängt mit der Botschaft seiner Kirche zusammen, denn
sie gibt Menschen Hoffnung auf eine bessere Zukunft ohne
Rassentrennung. Alles, was die Mitglieder brauchen, ob es sich um
einen Arzt, einen Anwalt oder eine Wohnung handelt, wird von der
Gemeinde gestellt. Jones schafft mit seiner Kirche eine geschlossene
sozialistische Gemeinschaft.
Nachdem er George Moscone dazu verholfen hat, Bürgermeister von San
Francisco zu werden, wird er von ihm zum Vorsitzenden des Städtischen
Bauamts ernannt. Damit steigt auch seine politische Präsenz und die
Medien richten ihre Aufmerksamkeit auf ihn. Es kommt Kritik auf,
sowohl an Peoples Temple als auch an Jones selbst. Ehemalige
Mitglieder berichten von Gehirnwäschen und Suizidübungen, die
regelmäßig innerhalb der Gemeinde praktiziert wurden.

Jones will sich den Anschuldigungen nicht stellen. Stattdessen beschließt er seine
Gemeinschaft nach Jonestown, eine von den Mitgliedern der Bewegung
errichtete Stadt, in Guyana überzusiedeln.
1978 wird ein „Komitee der besorgten Angehörigen“, das eine
Untersuchung Jonestowns fordert, gegründet. Die Untersuchung wird von
einem Kongressabgeordneten Leo Ryan durchgeführt. Als er in Jonestown
ankommt, bitten ihn einige Mitglieder, sie in die  USA mitzunehmen, da
sie in Jonestown gegen ihren Willen gehalten werden. Jones sieht das
als einen Verrat an und als der Angeordnete mit den Mitgliedern
abreisen will, werden sie auf dem Flugplatz von Sicherheitsleuten
erschossen. Der Rest der Bewohner wird dazu aufgefordert, ein giftiges
Getränk aus Valium und Zyankali zu trinken.

Es ist nicht verwunderlich, dass die  Medien diesem Ereignis ihre
Aufmerksamkeit schenken, zahlreiche Bücher sich ihm widmen,
Augenzeugen und ausgetretene Mitglieder des Peoples Temple sich zu
Wort melden. Die von dem kollektiven Tod der knapp tausend Menschen
tief erschütterte Psyche Amerikas schreit nach Erklärungen. Was sie
bekommt, sind Erklärungsversuche aus psychologischer,  politischer und
religiöser Sicht; Darstellungen, in denen Jim Jones als wahnsinnig und
seine Gefolgschaft als seine geistig beschränkten Anhänger, die sich
wie die Lemminge ihrem Alphatier hinterher über die Klipppe stürzten,
portraitiert werden.

Religion dagegen wird als etwas von Menschlichkeit untrennbares gedacht, sodass der Peoples Temple bestenfalls als „Ansammlung durchgedrehter religiöser Fanatiker“, aber nicht als religiöse Bewegung mit einer Weltanschauung wahrgenommen wird, was zur Folge hat, dass die dem Ereignis in Jonestown zugrunde liegende Weltanschauung nicht Gegenstand von Analysen wird. David
Chidester ist der erste, der erkennt, dass es ohne die Weltanschauung
des Peoples Temple zu berücksichtigen auch nicht möglich  ist, die
Bedeutung des Suizids zu erfassen und ihn plausibel zu machen.

Schon lange vor dem Suizid trägt Jim Jones die Angst vor einer
nuklearen Bedrohung in sich. Dazu kommt noch die Angst vor Verfolgung
durch Faschisten, was heute irgendwie einen ziemlich “durchgeknallten”
Eindruck erweckt; doch es sei an die in den 50er Jahren tatsächlich
stattfindenden Kommunistenverfolgungen der amerikanischen Regierung
erinnert. Jones nimmt in Folge seiner Ängste die Welt als einen
unsicheren Ort wahr. Auch innerhalb der “Planning Commission”, der
Führungsebene der Bewegung, besteht die akute Angst, Faschisten in die
Hände zu fallen, in Konzentrationslagern gefoltert und grausam
umgebracht zu werden, und somit einen “unmenschlichen Tod” zu
erleiden.
Dementsprechend stuft Jones selbst die Selbttötung des Temple nicht
als Selbstmord ein: “We didn’t commit suicide. We committed an act of
revolutionary suicide protesting the conditions of an unhuman world.”
Unter revolutionärem Suizid versteht er also den radikalen Versuch,
angesichts der übermächtigen Mächte der Unterdrückung einen
würdevollen Tod zu gewährleisten.

Dabei ist entscheidend, dass die Welt als grauenvoller Ort empfunden wird, auf dem Armut, Elend, Leid, Unterdrückung, Sexismus  und  Rassismus herrschen, sodass die einzige Möglichkeit, diesen unmenschlichen Bedingungen zu entgehen, der übermenschliche Tod darstellt, durch den  in einer unkontrollierbaren
Welt Kontrolle ausgeübt, symbolische Schöpfung erreicht und Erlösung
ermöglicht  wird.
Innerhalb des Peoples Temple nahm die Idee des revolutionäreren
Suizids mindestens drei Funktionen ein: Erstens fungierte er als
Loyalitätstest, zweitens als Methode, um dem unmenschlichen Tod zu
entgehen, und drittens als Drohung gegen die Außenwelt, um diese zu
zwingen, die unverletzliche Integrität der Gemeinschaft anzuerkennen.
Als 1973 acht Mitglieder die Gruppierung verlassen, wird zum ersten
Mal eine Massentötung der Gemeinschaft in Erwägung gezogen. Jones
erörtert die Option des Suizids vor der “Planning Commission” als
Möglichkeit, um Feinde der Gemeinschaft zu diskreditieren und die
Mitglieder als Revolutionäre in die Geschichte eingehen zu lassen.
Zudem verspricht er, dass durch den Suizid eine Transzendenz in Form
des Weiterlebens in ewiger Gemeinschaft auf einem anderem Planeten
erreicht werde. Er lässt die Idee vorerst jedoch wieder fallen, da er
fürchtet, dass die Tötung als Akt geistiger Umnachtung interpretiert
werden könne, ohne dass die revolutionäre Tragweite von Außenstehenden
erfasst werde.
Am 1. Januar 1976 findet die erste Probe des kollektiven Tötens mit
etwa 30 Mitgliedern der  Führungsebene statt. Durch die Konfrontation
mit dem Tod will Jones das Zugehörigkeitsgefühl zum Peoples Temple
stärken. Von da an werden regelmäßig als Loyalitätsbeweis sogenannte
“Kool Aid Tests” durchgeführt, bei denen die Mitglieder Getränke zu
sich nehmen, von denen sie erst hinterher erfahren, dass sich nicht
vergiftet sind.
Im folgendem Jahr droht Jones im Verlauf eines Sorgerechtsstreites
öffentlich mit der Selbsttötung der gesamten Gemeinschaft, falls
jemand in diese eingreife, um zu verhindern, dass ein Kind, welches
Jones als seinen Nachfolger betrachtet, aus Jonestown geholt wird,
womit er den Gegnern des Peoples Temple die Verantwortung zuweist.
Im Gegensatz zu den  zahlreichen Probeläufen handelt es sich bei den
Massentötungen nicht nur um eine symbolische Geste, sondern um
tatsächlich begangenen religiösen Suizid, der von der Bewegung als Weg
durch eine einzige, übermenschliche Tat einer unmenschlichen Welt und
einen unmenschlichen Tod zu entgehen interpretiert wird.

In der Religionsgeschichte lassen sich auch andere Beispiele für
religiösen Suizid finden, durch die man einen Rahmen für die
Betrachtung der Geschehnisse in Jonestown abstecken kann. Der Begriff
des religiösen Suizids beschreibt einen Akt, in dem bestimmte
religiöse Werte durch selbst herbeigeführten Tod bekräftigt werden
sollen. Kulturübergreifend sind nach Chidester die vier Basisformen
Ritual, Erlösung, Rache und Revolution religionsgeschichtlich
beobachtbar. Dabei treten auch Verknüpfungen der vier Formen auf; das
Ereignis in Jonestown ist sogar eine Verbindung sämtlicher Formen.
So werden im Peoples Temple Probeläufe durchgeführt, um die Integrität
der Gemeinschaft zu bewahren, zum einen hinsichtlich der Hingabe des
Einzelnen an die Sache, zum anderen um die Gruppe gegen schlechte
Einflüsse von außerhalb der Gemeinschaft zu schützen. Damit haben die
Probeläufe den Charakter von Reinigungsritualen.
Die Erlösung vom Leiden basiert auf den Vorstellungen, dass die
Lebensumstände unerträglich seien und dass ein Eintritt in einen
Zustand höchsten Friedens durch Sterben erreicht werden könne. Diese
finden sich in der Weltanschauung Jones‘ wieder, in der die Welt wegen
des Kapitalismus, des Faschismus und anderer unerträglicher Umstände
als leidvoll betrachtet wird, wovon der Suizid befreien kann.
Der Aspekt der Rache an Feinden ist bei den Tötungen in Jonestown
ebenfalls feststellbar, denn diese sind auch ein Racheakt an den
Gegnern der Bewegung, also an der amerikanischen Regierung, den Medien
und ehemaligen Mitgliedern, denen Jones vorwirft, durch ihr Verhalten
den Suizid provoziert zu haben.
Die vierte Form des religiösen Suizids ist der revolutionäre Akt, dem
eine symbolische Kraft   beigemessen wird. Voraussetzung dafür ist,
dass religiöse, politische oder militärische Gegner  als übermächtig
empfunden werden, sodass die kollektive Tötung als der einzige Ausweg
erscheint, um der sicheren militärischen Niederlage zu entrinnen.

In Jonestown bewirkt das Eingreifen der Kongreßdelegation, dass das
Bangen um das Fortbestehen der Bewegung in Hysterie verwandelt wird
und die Angst, den Feinden in die Hände zu fallen und von ihnen
grausam zu Tode gefoltert  zu werden, derart  kulminiert, dass sich
die Bewegung existentiell bedroht fühlt.

Der (wirklich) neugierige Leser sei auf die Quellen verwiesen. Der
englischsprachige wikipedia-Artikel bietet einen guten Überblick auf
den historischen Ablauf  der Ereignisse; das Werk Chidesters stellt
eine hervorragende religionswissenschaftliche Analyse derselben dar.

LAURA REIHER UND DAGMARA JAWORUCKA

Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Jonestown
http://en.wikipedia.org/wiki/Jonestown
Chidester, David: Salvation and suicide. An interpretation of Jim
Jones, the Peoples Temple, and Jonestown. 1988, S. 1-11.

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