Islamic Banking – eine Alternative?

1 Sep

Die Finanzkrise ist immer noch nicht überwunden. Die Absurdität des wirtschaftlichen Absturzes, die uns Nicht-Bankern dabei ins Auge springt, hält an.
Es bleibt die Frage offen, warum nach dieser Erfahrung des Verlustes und der Ratlosigkeit nicht auch die Profis, die Banker selbst, nach Alternativen suchen.

Ich hatte gehofft, ein völlig neues System hätte in der Krise eine Chance.
„Aber das gibt es doch! Bei uns wäre das nicht passiert!“ hörte ich von türkischen Muslimen im Sommer 2009, als wir im Rahmen von OCCURSO‘ s „zu Gast bei..“  die Nur Cemaatis in München besuchten. Esra Ataoglu hielt einen informativen Vortrag über ethische Prinzipien, die auf  dem Koran basierend, eingehalten werden im sogenannten Islamic Banking.

Die zeitgenössischen Islamwissenschaftler nehmen dazu Stellung z.B. A. Ganbari, N.H. Abu Zaid und Adel Th. Khoury (in: Der Islam. sein Glaube, seine Lebensordnung, sein Anspruch. Freiburg 1988).
In seinem Kapitel „Grundlagen einer islamischen Wirtschaftsordnung“ zitiert Khoury den Koran (89, 20) und ist mit allen anderen darin einig, dass die Gläubigen von ihrem Reichtum abgeben sollen (2, 43). Damit erfüllen gläubige Muslime die Pflicht der Solidarität. Denn (70, 24-25) die Armen haben ein angemessenes Recht auf das Vermögen der Reichen.

Privates Eigentum wird jedem legitim zugestanden. Es begrenzt sich allerdings durch die Rechte Gottes (Koran) und die Rechte des Anderen innerhalb der solidarischen Gemeinschaft (umma). Das Vermögen soll maßvoll dem eigenen Lebensunterhalt dienen. Außerdem werden damit die gesetzliche Pflichtzahlung (zakat) und Spenden für karitative und öffentliche Anliegen bezahlt. Eigentum soll durch Erbschaft, Kauf  oder – vor allen Dingen – durch eigene Arbeit erworben sein. Es ist ein Nutzungsrecht im Eigentum inkludiert und eine Sozialverpflichtung.

(4, 2) Als Stellvertreter Gottes, sagt Khoury, ist der Mensch persönlich und kollektiv der Hüter der Schöpfung. (4,1) Zu vergeuden oder zu protzen, dazu hat weder das Individuum, noch die Gemeinschaft, noch der Staat eine Berechtigung. Jeder Muslim ist aufgefordert, mehr zu produzieren als für seinen persönlichen Bedarf nötig wäre, damit er sich an den Sozialabgaben (zakat) beteiligen kann, schreibt Khoury. Der Überschuss darf nicht gegen Zins (riba), der auch als Wucher gebrandmarkt wird, verliehen werden. Das verstieße laut Koran gegen die Gleichheit aller Menschen vor Gott, weil Zins Abhängigkeit schafft (2, 278-280), ohne eigenen Einsatz gewinnbringend ist und Ausbeutung des Ärmeren bedeuten würde. (4, 10) Die wirtschaftliche Macht der umma besteht in Kooperation und im Teilen. Damit bewirkt sie Selbstvertrauen und unterstützt die Eigeninitiative/ Eigenhilfe.

Zum Bankwesen erläutert Khoury: Die muslimischen Banken setzen das Kapital ständig ein z.B. für Geschäftsgründungen; sie bleiben in der Haftung ebenso wie der Kapitalanleger. Ist das Projekt erfolgreich, gewinnen beide, bei Verlust haben beide verloren. Immer wird das Projekt den Vorschriften der Scharia angepasst, d.h. die eventuell gegründeten Fonds sind nicht mit haram belastet wie Alkohol, Sex, Tabak, Glücksspiel, Versicherungen, Rauschmittel u.a. Aus dem Gewinn der Bank, so verstehe ich Khoury, kann ein Kredit gewährt werden in Form eines Kaufvertrages, damit das Zinsverbot nicht missachtet wird.

Und wie sieht es in der Realität aus – hier und heute?

Ich sprach mit Bülent Pilavcioglu in der Stadtsparkasse München, der türkischer Herkunft und Muslim ist. Er beantwortete mir freundlicherweise meine Fragen wie folgt:

Seit wann arbeiten Sie bei der SSKM bzw in der Filiale am Pariser Platz?
Seit 1991 bei der Sparkasse und seit 2002 am Pariser Platz.
Gäbe es für Sie als stellvertretenden Geschäftsstellenleiter und Muslim die Alternative, in einem Islamic Banking Institut in Deutschland zu arbeiten?
Nicht dass ich wüsste, ggf in Fondsgesellschaften, die darauf ausgerichtet sind. Ich würde das aber auch nicht machen, denn es gibt für mich keinen besseren Arbeitgeber als die SSKM.

Hat sich die SSKM mit Islamic Banking im Management auseinander gesetzt? Gibt es vielleicht einen solchen Unternehmenszweig?
Auseinander gesetzt ja, aber einen Zweig oder Produkte gibt es nicht.

Wird danach gefragt – und – von welchen Kunden? Auch von Nicht-Muslimen?
Bis jetzt gab es bei mir keinerlei Nachfragen über solche Produkte.

5. Wie erklären Sie sich das?
Viele islamische Kunden halten sich nicht daran, auf Zinserträge zu verzichten. Oder sie legen ihr Geld in Waren oder Immobilien an, für einen gewinnbringenden Erlös.

Wie sehen Sie die Chancen – und Grenzen – einer ethischen Finanzpolitik in Deutschland?
In der heutigen Zeit scheint das sehr schwierig. Wir leben im Kapitalismus. Wenn was angelegt wird, muss auch der Gewinn vorhanden sein. Oft geschieht das ohne zu überlegen, auf wessen Rücken der Gewinn erwirtschaftet wird. Aber es gibt schon vereinzelte, nachhaltige, sozial ausgerichtete Fonds, die auch auf das Ethische und moralisch Richtige achten.

Was beinhalten z.B. die Fonds – bitte zählen Sie uns wichtige Produkte auf, die man heute darin findet.
Aktien, Optionsscheine, Immobilien, festverzinsliche Wertpapiere etc.

Wird Ihrer Meinung nach ein neuer Markt entstehen?
Meiner Meinung nach nicht, denn in Europa ist die Nachfrage zu gering und das Vertrauen der streng religiösen Muslime in christliche bzw. europäische Produktanbieter nicht vorhanden.

Wie setzen Muslime, die in Deutschland leben, den zakat um, d.h. auf welchem Wege erfüllen sie die Pflicht der gesetzmäßigen Abgabe?
Nach Vorgabe des Koran errechnen sie aus ihrem Vermögen ihren zakat und spenden diesen Betrag für wohltätige Zwecke. Und wenn jemand schummelt, das merkt sich Gott!

Muslime können lt. Koran keine „Sparer“ sein wie wir – oder doch? Gibt es dazu Statistiken?
Streng genommen nicht. z.B. wenn ein Muslim ein Auto finanzieren will, läuft es in der islamischen Welt so ab: Der Händler kauft das gewünschte Fahrzeug für ca 15000,-€ und verkauft es weiter für 18000,-€. Das ist der Gewinn. Das ist kein Zinsertrag! Der Käufer zahlt das Auto dann in Raten ab. Wie gesagt, westlich orientierte Muslime halten sich nicht an die Gesetze der Scharia bzw. des Koran und legen ihr Geld auch zinsbringend an. Einige wenige spenden einfach ihre Zinserträge. Das ist ja nicht verboten.

Wie handhaben muslimische Migranten Ihrer Information nach das „wandernde“ Kapital ins Ausgangs-/ Herkunftsland? Per Überweisung? An wen?
Früher haben Ausländer ihr Kapital in die Heimat gebracht, um sich dort was aufzubauen. Heute bauen sie sich hier etwas auf und investieren ihr Kapital z.B. in der Türkei, um Gewinne zu erwirtschaften durch Mietertäge bei Immobilien, Firmengründungen etc.
Das läuft natürlich alles per Überweisung heutzutage. Nur wenige nehmen ihr Geld bar mit, weil es viel zu gefährlich ist.

12.Kann man wanderndes Kapital als Gewinn bezeichnen?
Nein. Es kann ein Gewinn sein,  muss aber nicht. Nach dem Steuerrecht müssen ausländische Gewinne auch hier nach dem Wohnortprinzip versteuert werden.

Mein Fazit: Für spekulative Geschäfte ist kein Platz im Islamic Banking. Entstanden in einem überschaubaren Lebensraum auf der Basis des Handelns, kann vielleicht heute eine  Nische für Islam icBanking gefunden werden, als Beitrag zu unserem globalen Weltmarkt. Von einem alternativen  Ersetzen kann aber keine Rede sein, denn viele Produkte, die in unserem Leben eine Rolle spielen, sind durch koranische Verbote ausgeschlossen.

GEORGIA HEROLD

Anmerkung der Redaktion:
Kurz vor Redaktionsschluss der aktuellen Ausgabe wurde bekannt, dass in Deutschland die erste Islamische Bank eröffnen wird. Aufgrund hoher Nachfrage wird diese bereits im Januar 2010 im baden-württembergischen Mannheim ihre Schalter öffnen. Eingesetzt für das Konzept des Islamic Banking hatte sich der CDU Politiker Reinhard Löffler. „Islamische Finanzierung: Dritter Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus?“ lautet die Devise des Landtagsabgeordneten. Seiner Meinung nach sei die Einführung von Bankgeschäften nach Richtlinien der Scharia schon längst überflüssig gewesen – schließlich sei halal-Banking doch weltweit sehr erfolgreich und würde in islamischen Ländern unter anderem von der Deutschen Bank schon lange angeboten.

Quelle: http://www.sueddeutsche.de

Advertisements

4 Antworten to “Islamic Banking – eine Alternative?”

  1. REMID Juli 21, 2011 um 09:47 #

    Ein sehr interessanter Artikel. Habe mir erlaubt, Euch zu zitieren.

    • miriam Juli 23, 2011 um 11:26 #

      Gerne 🙂

  2. Saas Dezember 22, 2012 um 01:46 #

    Vielen Dank für den spannenden Artikel, vor allem das Gespräch mit dem turkischen Sparkassen Mitarbeiter hat mir gefallen.

    Allerdings hat die Kuveyt Türk Bank in Mannheim erst im September 2012 eine Vollbanklizenz in Deutschland beantragt, davor war Sie nur als Außenstelle der türkischen Mutter in D tätig.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Boko Haram – neue Semantiken im Spiegel ihrer Mediendeutungen « REMID Blog - Juli 23, 2011

    […] die Speisevorschriften des Islam betrifft, so erläuterte bereits Georgia Herold auf dem religionswissenschaftlichen Blog der Studierenden der LMU München am 1. Sept. 2009 die Bedeutung des arabischen Wortpaares halal / haram für das Konzept des Islamic […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: