Buddhismus im Sonderangebot

1 Sep

Wo einstmals die schwarzwälder Kuckucksuhr zum Stolz der Bewohner die Wände deutscher Wohnzimmer zierte, befindet sich heute gemäß den aktuellen Wohntrends eine Buddha-Statue oder ein Buddha-Bild. Der Erleuchtete führt als Dekorationsgegenstand seinen Eroberungszug in deutsche Wohnzimmer.

Doch wer denkt, es bleibt bei geschmackvollen Gemälden und antik aussehenden Keramik-, Holz- oder Steinbuddhas, der hat weit gefehlt – bei einem Einkaufsbummel erstreckt sich dem Kunden das breite Angebot von der Buddha-Eieruhr aus dem Ein-Euro-Shop über einen Buddha-Springbrunnen bei OBI bis hin zu Kerzen, bei denen der Docht aus dem Buddha-Kopf herausragt. Sogar im Schaufenster eines Erotik-Shops blickte unlängst ein Buddha auf die vorbeilaufenden Passanten.

Eine Münchner Disco hat auf ihrem Flyer für das „Cosmic Festival“ einen Buddha im Flashlight abgedruckt, gleich neben dem plakativen Versprechen „Getränke ab 1 Euro“. Müller Milch gibt es jetzt auch in der Geschmacksrichtung „Chai“. Auf Müllermilch Schoko ist Schokolade abgebildet, auf Müller Milch Erdbeer eine Erdbeere – auf Müller Milch Chai lächelt ein Buddha. In Parfümerien kann man Buddha-Seife kaufen, um sich anschließend zu Hause unter der Dusche mit dem Erleuchteten sämtliche Körperregionen einzuseifen.
Was ist passiert?

Wie Anne Koch in ihrem Text zur Religionsökonomie erläutert, gibt es einen religiösen Markt (also einen Markt, auf dem religiöse Ware angeboten wird) und einen eher im übertragenen Sinne Markt der Religionen, auf welchem sich die Symbol- und Deutungssysteme anpreisen und miteinander konkurrieren.

Offenbar ist der Markt der Religionen auf den religiösen Markt übergeschwappt, oder umgekehrt. Die unterschiedlichen Sinnangebote preisen sich nun nicht nur im übertragenen Sinne an, sondern im ganz wörtlichen. Die Menschen der westlichen Gesellschaften wenden sich immer mehr vom traditionellen, institutionalisierten christlichen Glauben ab und wenden sich spirituellen, individuellen, und oft fernöstlichen Deutungssystemen zu. Oder wie Bourdieu sagt: Das Religiöse Feld verschiebt sich, wird erweitert, aufgelöst. Wo vorher nur wenige Akteure im religiösen Feld konkurrierten, finden sich heute Heilpraktiker, Anhänger der New Age Bewegung, Spirituelle, Astrologen, … und und und. Besonders der Buddhismus hat außerhalb Asiens Hochkonjunktur.

Und mit den spirituellen Gütern kommen auch die aus Plasitk, Holz und Wachs. Sowohl der religiöse, als auch der wirtschaftliche Markt richten sich nach der Nachfrage: Buddhismus ist in, also will jeder gern ein bisschen hip sein, ein bisschen individueller, exotischer – und schmückt sein europäisches Leben mit einem Hauch fernöstlicher Spiritualität. Denn heutzutage gibt es fast nichts, was man mit Geld nicht erwerben könnte – warum also auch nicht Religion?

Die Konkurrenz auf dem Markt der Religionen ist hart, ebenso wie auf dem wirtschaftlichen. Die Vertreter der christlichen Kirchen raufen sich die Haare und versuchen verzweifelt, im Konkurrenzkampf mit den anderen Sinnangeboten ihre Vormachtsstellung zu sichern. Ob das ein realistisches Ziel ist, bleibt fraglich – vor allem anbetrachts der Tatsache, dass man neuerdings auf traditionellen Münchner Christkindlmärkten mit Buddha-Statuen gefüllte Holzbuden findet.

MIRIAM TRESCHER

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