Kill me or kiss me – Wissenschaftliches Schreiben

11 Jul

Ein Sportler gewinnt eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Man bewundert sein Talent, aber Talent ist ja nicht alles. Man weiß, dass sich der Sportler jeden Tag aus dem Bett auf seine durchtrainierten Beine schwingt und wahrscheinlich schon auf dem Weg zum Training in einen anstrengenden, muskelaufbauenden Trab verfällt. Er schindet seinen Körper bis an die Grenzen, ernährt sich ausschließlich von Dinkelkleie, und das wahrscheinlich seit seinem 3 Lebensjahr. Für so viel Disziplin hat er eine Goldmedaille verdient, da ist man sich einig. Dem Sportler gebührt Anerkennung, weil er sein Privatleben gegen einen Powerriegel eingetauscht hat um alle vier Jahre im ZDF zu erfreuen.

Ein Wissenschaftler schreibt ein wissenschaftliches Werk, das genial und trotzdem lesbar ist. Es wird von C.H.Beck abgedruckt. Man bewundert sein Talent. Das ist erst mal alles.

Keiner weiß von den espressogetränkten Nächten. Von dem horrenden Umsatz, den Farber Castell mal wieder gemacht hat (der übrigens in keinem Verhältnis zu dem Umsatz des Wissenschaftlers steht). Von der schmerzhaften Ironie, wenn morgens der Kopf des verkaterten Mitbewohners immer noch leichter als die Weber-Gesamtausgabe und das eigene Herz ist.

Der Topos „Künstler“ haftet auch dem Wissenschaftler der Kulturwissenschaften an. Er scheint die seltene Fähigkeit zu besitzen, die Komplexität der Welt in Worte zu verpacken und dem Laien mundgerecht zu präsentieren. Dieser Schlüssel zur Erkenntnis – Inspiration, Eingabe oder auch Musenkuss genannt – scheint den Künstler auszumachen. Der Rest ist nur noch Aufschreiben. Von der Last der Wahrheit fast erdrückt bleibt dem Autor nichts anderes mehr übrig, als seine Gedanken auf dem Blatt zu bannen.

Als Erstsemestler wartet man lange auf diese Inspiration. In den heiligen Hallen der Universität scheinen die Ideen in der Luft zu hängen. Die Dozenten werfen sie sich gegenseitig zu, nur man selbst bekommt nichts ab. Dann verschwinden sie in ihren Büros und betreiben „Wissenschaftliches Schreiben“. Darunter stellt man sich vor: Wissenschaftlich Denken und dann aufschrieben. Oder: Einfach Denken, mit komplizierten Wörtern verunstalten, so das der Erstsemestler nicht mehr mitspielen kann.

Es dauert eine Weile, mitunter 4 Semester, bis man begreift, dass man eventuell nicht zu doof ist. Auch andere sind an jenem Punkt, an dem man sich befindet, vielleicht kehren sie sogar immer wieder dahin zurück. Die Schockstarre löst sich erst, wenn sie sich lösen muss. Weil man eine Arbeit abgeben muss. Und zwar in drei Tagen. Man fängt an zu schreiben. Und wie durch ein Wunder, fangen auch die Ideen an zu entstehen.

Nach mehrmaligem Durchlaufen dieses Prozesses weichen die gedachten Grenzen zwischen Denken und Schreiben auf. Es kostet viel  Mut das Schreiben anzufangen, ohne eine Idee zu haben, mitunter kann es einen in tiefe Seminararbeits-Depressionen stürzen. Aber manchmal ahnt man: Bisweilen kommen die Gedanken mit dem Schreiben.

Das ist beruhigend. Denn die Folgerung ist, dass man Denken mit Schreiben üben kann. Die Versprachlichung und Ordnung von Ideen auf dem Papier zwingt einem zum Weiterdenken, zum Überdenken des zum Thema Gelesenen. In Zitaten und dem zu Beginn jeder Arbeit obligatorischen Forschungsstand positioniert man sich im Fach, ob man will oder nicht.

Jede Wissenschaft hat ihre eigene Sprache. Diese zu lernen gelingt vor allem durch Imitation. Doch schon alleine die Tatsache, dass man wegen Plagiat exmatrikuliert werden kann, zwingt einen, kreativ eigene Gedanken und Zusammenhänge mit der Sprache anderer zu formulieren. Wo man Gedanken übernimmt, zitiert man. Ab und zu entdeckt man mit heller Freude, dass man ein Wort oder einen Gedanken, den man in einem anderen Kontext gehört hat, ganz selbstständig anwendet. So müssen sich Eltern fühlen, wenn ihr Kind das Reden anfängt.

Dann macht auch dass Üben Spaß.

Mit der Zeit merkt man, dass auch die, von denen man lernt, täglich üben. Der Musenkuss mag ausdrücken, dass uns Ideen wie göttliche Eingaben erscheinen, so innovativ sind sie. Er unterstellt dem Künstler, bzw. wissenschaftlichem Schreiber aber Passivität. Und damit haben die zahlreichen Entwürfe und Verwürfe wenig zu tun, die es braucht, bis man eine gute Arbeit geschrieben hat.

Irgendwann, das hofft der Student im 4ten Semester zumindest, ist man das Üben gewöhnt. Die Entwürfe bekommen mit der Zeit mehr und mehr Qualität. Die eigenen Ansprüche, aber auch die der anderen werden höher. Der Wortschatz erweitert sich immer mehr. Man muss nicht mehr Stunden grübeln um einen Gedanken zu formulieren, sondern denkt so, wie man schreibt (schreibt so, wie man denkt?). Ideen und Stile anderer fügen sich zu einer eigenen Sprache zusammen. Und für die jahrelangen Mühen wird man eventuell irgendwann damit belohnt, das man eine Habilitation mit 600 Seiten schreibt, die sich liest, als habe einen die Muse geküsst.

LAURA F. PÖHLER

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