Die (Un-)Wahrheiten der Medien

11 Jul

oder: Wie man religiöse Minderheiten unterdrückt

Es scheint eine Gesetzmäßigkeit zu sein, dass sich jede Religion – besonders in ihrem Entstehungsstadium – heftigen Anfeindungen, Verfolgungen und Unterdrückungen ausgesetzt sieht.

Dies trifft auch auf die 1844 in Persien entstandene Bahá’í-Religion zu, die in der religionswissenschaftlichen Forschung als eigenständige Universalreligion den abrahamitischen Religionen zugeordnet wird. Die Verfolgungsgeschichte der Bahá’í im heutigen Iran beginnt bereits mit den frühesten Anfängen ihrer Religion. Bereits 1849/50 wurden in einem Demozid zahlreiche Anhänger des Báb („das Tor“) massakriert, einige Quellen sprechen von über 20.000. Báb selbst wurde 1850 öffentlich hingerichtet. Der Religionsstifter Bahá’u’lláh war bis zu seinem Lebensende im heutigen Israel ein Verbannter und Gefangener.

Auch heute noch werden die Bahá’í insbesondere im Iran verfolgt, gedemütigt und ihrer Rechte beraubt. Über die wahren Gründe dafür kann man nur spekulieren, wie etwa Moderator Steffen Seibert im ZDF heute journal vom 13.3.2009: „Sie [die Bahá’i] sind den Ayatollahs ein Dorn im Auge. […]Vielleicht weil ihr sanfter Glaube, der übrigens Männer und Frauen völlig gleichberechtigt sieht, für junge Iraner zunehmend attraktiv ist.“

Während die westlichen Medien von Menschenrechtsverletzungen und Appellen verschiedener Regierungen wie z.B. der deutschen und Organisationen wie Amnesty International an die iranische Regierung berichten, findet sich in der inländischen Presse ein ganz anderes Bild der Situation.

Im Folgenden soll die Darstellung der Situation der Bahá’í im Iran in den iranischen Medien anhand eines Artikels der Fars News Agency untersucht und diese mit der Darstellung der westlichen Medien verglichen werden.

„The Iranian government has provided the Bahai sect in Iran with all the facilities offered to other Iranian citizens,“ Najafabadi [Generalstaatsanwalt des Iran] said in an interview with press tv on Monday.

Leider lässt sich eine solche Aussage in den westlichen Medien nicht wiederfinden. So titelt CNN schon am 22.05.08 „Iran ‚plans to destroy Baha’i community‘“  und die Zeitung „Die Welt“ berichtet am 12.12.08 von „Staatliche[m] Bildungsverbot für Bahai“ – „Kulturelles Verbrechen“ – „Friedhofsschändungen staatlich gelenkt“ – „Willkürliche Verhaftungen“ (Die Welt) – um nur einen kleinen Teil des gesamten Spektrums an staatlichen Verfolgungen und Benachteiligungen zu nennen.

Jedoch steht das Volk nicht mehr vollständig hinter diesen Aktionen: „Über 240 iranische Intellektuelle haben einen offenen Brief geschrieben, in dem sie sich »beschämt« darüber zeigen, dass die Bahai »seit anderthalb Jahrhunderten ihrer Rechte in Iran beraubt werden«.“ (Zeit vom 28.02.2009)

The top Iranian judiciary official made the remarks in response to Western claims that the Islamic Republic has violated the rights of Bahais in Iran.

Eben diese Anklagen finden sich bereits im letzten Absatz und sind durchaus berechtigt. Auf einer Pressekonferenz vom 25.09.07 antwortet der Präsident des Irans auf Anfragen die Verfolgung der Bahá’í betreffend mit seinen Zweifeln an der göttlichen Gesandtheit der Zentralgestalten der Bahá’í-Religion. Nun besagt Artikel 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aber keineswegs, dass er selbst dieser Religion zustimmen müsste: „Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.“

According to the Iranian cleric, there is irrefutable evidence that many adherents of the Bahai sect are in close contact with the enemies of the Iranian nation and have strong links to the Zionist regime.

Der wahre Kern dieser Aussage ist schnell gefunden: Das wichtigste Heiligtum und Sitz der Bahá’í-Administration ist in Haifa, Israel. Der Sprecher der deutschen Bahá’í-Gemeinde in Fragen von Menschenrechtsverletzungen nennt und erklärt der Zeitung „Die Zeit“ in einem Interview weitere Anklagepunkte:

„Es geht um Spionage für Israel, Beleidigung religiöser Gefühle und Propaganda gegen die islamische Republik. Alle drei Anklagepunkt sind absurd. Die Anklage auf Spionage stützt sich beispielsweise darauf, dass die inhaftierten Bahai in Kontakt waren mit dem religiösen Zentrum der Bahai, das in Israel ist. Das hat nichts mit dem Staat Israel zu tun oder mit den Interessen Israels, sondern ist einfach ein historisches Faktum. Der Spionagevorwurf hat Tradition in Iran: Wir waren zuerst Spione Russlands, dann Englands, dann Amerikas und jetzt sind wir Spione für Israel. Dahinter steckt das Befremden der konservativen Mullahs gegenüber dem modernen Gedanken, die die Bahai-Religion lehrt. In deren Augen müssen die Bahai deswegen einfach westlich unterwandert sein.“

„We have always showed great kindness to the Bahai citizens in Iran. We just oppose such relations,“ he explained.
Although members of the Bahai sect have admitted their charges in various cases, the West, especially the United States, claims that Iran has violated their human rights by making attempts to suppress the cult.

„We (as the state) offer a variety of services to the Bahai sect in Iran and respect them as human beings, but not as insiders, spies, or a political grouplet supported by Britain and Israel to cause disturbance in Iran,“ Najafabadi went on to say.

Hier finden sich die o.g. Anklagepunkte wieder. Die Verfolgung der Bahá’í wird hier erneut deutlich nicht religiös, sondern politisch begründet. Dies wird von westlicher Seite her allgemein bezweifelt.

On Wednesday, Tehran’s deputy prosecutor Hassan Haddad announced that seven members of the Bahai sect, who were evolved in espionage activities against Iran, would soon be tried.

Auch „Die Zeit“ vom 28.02.2009 berichtet hierüber: „Sieben führende Mitglieder des Bahai-Glaubens sollen dieser Tage vor Gericht gestellt werden. Man wirft ihnen »Spionage für Israel« und »Propaganda gegen den iranischen Staat« vor. Seit Monaten wurden die sieben ohne formelle Anklage festgehalten und ihre Anwälte schikaniert. Selbst die Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi wird unter den Augen der Behörden drangsaliert und denunziert, seit sie die Aufgabe übernommen hat, die Angeklagten zu verteidigen. Es wurden gar Gerüchte lanciert, Ebadis Tochter sei zum Bahai-Glauben übergetreten. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, droht den geistigen Führern der Bahai die Todesstrafe“.

Ob es sich um eine korrekte Gerichtsverhandlung oder um einen Schauprozess handeln wird, ist unklar. Diese Verhandlung wird sich jedoch – trotz zweifelhafter politischer Anklage – politisch auswirken: So äußerte Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass „ohne korrektes Gerichtsverfahren [..] »eine Belastung der Beziehungen der Staatengemeinschaft mit Iran« [drohe]“.
Es ist bemerkenswert, in welcher Wechselwirkung Politik und Religion stehen und wie schwer sie manchmal auseinander zu halten sind.

Es lässt sich also feststellen, dass Medien auch und vielleicht sogar besonders in religiösen Angelegenheiten stark missbraucht werden können und es daher nicht reicht, sich mit einer Informationsquelle auseinanderzusetzen.

Allerdings möchte ich an dieser Stelle auch die andere Seite der Medien anführen, denn ihnen verdanken wir schließlich auch, dass die Situation im Iran auch hier publik gemacht wurde. Dazu ein kurzer Ausschnitt aus einem bereits zitierten Interview der Zeit:

„Die Angst des Systems gegen die neuen Technologien ist riesengroß. Es ist die Angst, nicht mehr zu wissen, welche Interessen und Bedürfnisse die jüngere Generation hat. Ich denke, diese modernen Informationstechniken durchlöchern ein fanatisch gesteuertes System in einem Maße, wie man es in der Vergangenheit einfach nicht gehabt hat. Im Jahr 1981 ist die damalige Führung der Bahai verschwunden, die zweite wurde hingerichtet. Damals gab es kein Internet. Was da passierte, hat man erst Wochen später erfahren und in Iran gar nicht. Aber das Internet legt die Dinge von Stunde zu Stunde offen. Aufgrund des Internets gibt es mittlerweile auch eine Menschenrechtsbewegung in Iran. Deswegen ist die konservativ-fanatische Führung sehr nervös, und die Bahai müssen wieder einmal als Sündenböcke herhalten.“

Daraus folgt, dass die Führung im Iran aufgrund der Tatsache, dass eine Maßnahme, wie die Verhaftung von 7 Führern der iranischen Bahá’í-Gemeinde quasi zum Zeitpunkt ihrer Durchführung weltweit publik wird und Protest nicht nur durch ausländische Regierungen, Organisationen und Privatleute hervorruft, sondern auch bei der iranischen Bevölkerung selbst Fragen über die Rechtmäßigkeit der staatlichen Maßnahmen hervorruft.

Sind Medien also Fluch und Segen zugleich?

HANNA A. LANGER

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Eine Antwort to “Die (Un-)Wahrheiten der Medien”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Bahá’í im Iran – Verfolgung einer religiösen Minderheit « "Ich würde es genauso wieder machen" (Sophie Scholl) - Juli 11, 2010

    […] wird ihnen vorgeworfen. Ich hatte bereits vor einiger Zeit einen Artikel für ReligioScienco über Bahai in iranischen Medien geschrieben, seit Kurzem ist er hier online nachlesbar. Darin werden auch diese Vorwürfe […]

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