Und wie ist das bei euch so? – RW an anderen Unis

8 Jun

Laut http://www.religionswissenschaft.de gibt es unser Fach an siebzehn deutschen, einer österreichischen und sechs schweizer Universitäten. Was Selbstdarstellungen durch Studiengangsvertreter, Organisatorisches und Dozentenlebensläufe betrifft, so kann ein jeder über die obige Internetadresse auf die Homepages der zuständigen Fakultäten gelangen und selbst nachlesen.

Selbstverständlich sollte das dort zu Lesende bestmöglich mit dem wahren Geschehen an der Uni übereinstimmen, und doch wähle ich für diesen Artikel eine andere Sicht:

Jene subjektive Wahrnehmung einzelner Studierender, meist Fachschaftsvertreter, die mir ihre Sicht auf ihr Fach gemailt haben. Vielen Dank an dieser Stelle für alle Mühen und eure Ehrlichkeit!
Von den restlichen sieben Universitäten erhielt ich bis Redaktionsschluss leider keine Antwort. Daher wird sich dieser Artikel in unserer nächsten Ausgabe fortsetzen. Zum Schluss sollen auch RW-Studenten aus Österreich und der Schweiz zu Wort kommen. So können wir dann hoffentlich zu einem interessanten, abschließenden Feedback zur Religionswissenschaft in München kommen.

Den vermutlich mitunter umstrittensten religionswissenschaftlichen Ansatz findet man in Jena: Hier lehrt der uns allseits bekannte Prof. Udo Tworuschka in der Schule G. Menschings die Religionsphänomenologie. Dass sich Benedikt aus Jena soviel Mühe machte, seinen Studiengang vorzustellen, soll nicht unbelohnt bleiben: Seine Antwort auf meine Bitte um drei, vier Stichpunkte könnt ihr direkt im Anschluss in einem von ihm verfassten Artikel nachlesen.

Vorwegnehmen möchte ich, dass RW hier nur als Nebenfach studiert werden kann, zum Bedauern insbesondere einiger Erstsemester, die das gute Klima in Seminaren und Vorlesungen genießen. Dadurch sind die Kontakte zu anderen Fächern gut gestärkt, aber es konnte sich auch keine studentische Interessens- und Vertretungskultur entwickeln. So gibt es zwar eine freiwillige, nicht gewählte Fachschaft, die monatliche Stammtische und ab und zu eine Filmreihe organisiert, die Resonanz darauf lässt allerdings zu wünschen übrig.

Ganz anders in Bochum: Der Fachschaftsrat organisiert regelmäßig Exkursionen zu Moscheen, Synagogen, etc. und bietet seit zwei Semestern einen Lesekreis für Primärquellen an. Einige Studenten haben zudem auf Eigeninitiative eine Lektüregruppe organisiert, in der Theoretiker gelesen werden. Vielleicht begründet sich soviel Engagement darauf, dass die im WS 2006/07 gegründete Bochumer RW eine der jüngsten Deutschlands ist? Das Fach ist eines der wenigen zulassungsfreien und wird entsprechend gern gewählt. So gibt es etwa 100 Erstsemester pro Semester, die Veranstaltungen sind gut gefüllt.

Die Anzahl der Masterstudenten dagegen wird durch einen Numerus Clausus bewusst gering gehalten. Durch Tutorien zu den Einführungsveranstaltungen sollen innerstudentische Kontakte gefördert werden. Statt Praktika nehmen die Studenten an Lehrforschungsprojekten teil, d.h. sie werden in die Forschung von Lehrenden einbezogen. Der Kontakt zu den Dozenten ist teils locker, teils angespannt, die Kritik der Fachschaft an der Studiengangsorganisation stieß nicht immer auf offene Ohren, „aber wir arbeiten daran“, sagt Benjamin aus Bochum.

Der Studiengang ist interdisziplinär angelegt: Beteiligt sind u.a. Orientalistik, Theologie, Klassische Philologie und  Ostasienwissenschaften, sodass es ein breites Veranstaltungsangebot gibt, wobei nicht alle Lehrenden der anderen Fakultäten glücklich darüber sind, RWler in ihren Vorlesungen zu haben. Offiziell gehört das Fach zur evangelisch-theologischen Fakultät, „aber eigentlich kochen wir weitgehend unser eigenes Süppchen“findet Benjamin. Ganz einfach ist das allerdings nicht, „z.B. gab es schon Probleme mit der Zuordnung neuer Professuren, die aufgrund konfessioneller Beschränkungen nicht von der evangelisch-theologischen Fakultät berufen werden konnten“.

Auch in Münster gibt es manchmal Zuständigkeitsprobleme: Hier ist die Religionswissenschaft an die katholische Theologie und das Centrum für religiöse Studien angegliedert. Soziologie, Philosophie, Kultur- und Sozialanthropologie und weitere geben viele Veranstaltungen für RWler frei, sodass es ein breites Veranstaltungsangebot erreicht werden kann. Professorin Wilkes Schwerpunkte liegen vor allem auf Hinduismus in Indien und der Diaspora, sowie auf Islam in Deutschland.

Ebenfalls wichtig sind ihr die systematische RW und die Verbindung zur Kulturwissenschaft. Veranstaltungen zu anderen Religionen und Bereichen werden meist von den übrigen,  sehr motivierten jungen Dozenten übernommen. Auch frisch Magistrierte erhalten immer wieder die Gelegenheit, das Thema ihrer Arbeit in Seminaren vorzustellen und zu verbreiten, was natürlich motivierend wirkt. Charakteristisch ist auch die Größe des Studiengangs: Nach Einschätzung der Studentin Ina nämlich „Eher klein“. Daher kennen sich die meisten Studenten, was eine nette Atmosphäre schafft.

Ein „kleiner, familiärer Fachbereich“ und ein „gutes Betreuungsverhältnis“ sowie gute Verknüpfungen zu den „Nachbardisziplinen“ wie Ethnologie, Europäische Ethnologie und Religionsgeschichte zeichnen auch die Religionswissenschaft in Marburg aus. Die Studienschwerpunkte liegen hier auf Buddhismus in Südostasien, Indonesien, Tibet, Japan und der religiösen Gegenwartskultur. Besonders zu erwähnen ist selbstverständlich die religionskundliche Sammlung – viermalig weltweit, einmalig in Deutschland!

Einmalig ist leider auch die Situation der Religionswissenschaft in Tübingen: Eine studentische Stimme, die aber anonym bleiben möchte, schreibt mir, dass das Fach „das Klo der kulturwissenschaftlichen Fakultät ist! Uns werden Gelder und Stellen verweigert, gleichzeitig werden aber Studierende aus den anderen Fächern hergeschickt, die noch ein ‚billiges Nebenfach‘ brauchen. Somit haben wir relativ viele Studierende, die sich nicht wirklich für RW interessieren oder einfach keine Zeit haben, den Arbeitsaufwand aufzubringen, der für ein so leselastiges Fach notwendig wäre.“

So ist es für die „super Dozenten“ schwierig, ein ergebnisreiches Seminar zu halten. Dass die Gelder fehlen, merkt man spätestens daran, dass der Studiengang an der Einführung des Bachelor aus finanziellen Gründen scheitert und daher bald nicht mehr in Tübingen studiert werden kann. Bis dahin liegen die Forschungsschwerpunkte im historisch-philologischen Gebiet. Neben Kelten und Germanen spielen Iran und Orient eine wichtige Rolle, ebenso die Europäische Religionsgeschichte.

Ganz anders geht es in Bayreuth zu: Zwar kämpft man dort mit sinkenden Erstsemesterzahlen (auch künftige Masterstudenten sind herzlich willkommen!), aber völlig zu Unrecht, findet Studentin Raphaela: „Jetzt mal ohne Witz, wenn es dir so vorkommt, als ob wir hier maßlos übertreiben, es ist eine Schande, dass wir so wenig wahrgenommen werden, da hier Religionswissenschaft in den besten universitären Bedingungen gelehrt wird.

“Was man da liest, klingt in Zeiten der Audimaxbesetzung wie ein Traum: Dort kommen drei Lehrstühle auf ca. 80 Studenten, die nicht nur zu den Sprechstunden immer ein offenes Ohr für alle Probleme haben. Die Studiengebühren werden nach Raphaelas Meinung„wirklich sinnvoll“ verwendet, z.B. für Exkursionen wie fünf Tage Glastonbury/England, Reader und Blockseminare auf Wunsch von Studenten. Die Studierenden haben hier auch ein sehr hohes Mitspracherecht durch regelmäßigen Austausch zwischen Fachschaft und Dozenten, bei dem „wir eigentlich alles durchkriegen, was wir sinnvoll begründen können“.

Das Verhältnis ist dementsprechend spürbar gut, was sich u.a. bei Sommer- und Winterfesten oder gemütlichen Feiern anlässlich von Gastprofessuren, aber auch im Alltag zeigt. Einziger Nachteil also: Die Festspielstadt Bayreuth „ist ein Kaff, zwar schön, aber echt recht ruhig. Aber die Uni ist TOP!“
.
Viele Gastprofessuren finden sich auch in Potsdam. Das „sorgt für viel Abwechslung, führt aber dazu, dass man sich jedes Semester auf neue Dozenten und ihre Unterrichtsmethoden einstellen muss“, erzählt Kersin aus Potzdam. Festangestellte Dozenten gibt es nicht so viele wie gewünscht, dafür sind die vorhandenen aber alle nach Kerstins Meinung „in Ordnung“. Der Schwerpunkt liegt auf Religionsphilosophie und dem Judentum. Letzteres begründet sich auf die enge Zusammenarbeit mit dem Institut für Jüdische Studien. Daher ist auch Hebräisch hier Pflicht, was aber keineswegs als negativ empfunden wird.

In Göttingen liegt der Schwerpunkt sehr eindeutig auf neuen religiösen Bewegungen, wobei auch die großen Religionen nicht zu kurz kommen. Außerdem bieten viele verwandte Studienfächer Veranstaltungen auch für RWler an, so z.B.  Ethnologie, Kulturanthropologie, Arabistik, Iranistik und Tibetologie sowie Indologie. Das Klima in den Seminaren ist angenehm und Prof. Grünschloß „super. Manchmal ein bisschen verplant, immer hilfsbereit und äußerst kompetent“, schwärmt ein anonymer Informant aus Göttingen. Auch die übrigen Dozenten werden weitestgehend positiv wahrgenommen. Gelegentlich organisiert auch die Fachschaft Exkursionen und Vorträge.

Last but not least sei Hannover genannt: Dort gibt es seit April 2009 ein gemeinsames Institut der evangelischen und katholischen Theologie mit der Religionswissenschaft (kurz: IThRw). Auch hier liegt der Schwerpunkt auf der religiösen Gegenwartskultur Europas, insbesondere auf den Entwicklungen im Islam und neuen religiösen Bewegungen. Als beispielhafte Veranstaltungen  nennt Studentin Lena „Muslimische Gruppierungen in Deutschland“, „Zum Verhältnis von Politik und Religion in der Europäischen Union“ und „Kreationismus: Entstehung – Wandel – Gegenwart“. Auch das Verhältnis von Religion und Ethik spielt eine besondere Rolle, da ein Master of Education für Werte und Normen an der Uni angeboten wird.

Und wo kann man noch mehr von Studenten anderer Unis erfahren? Na klar, beim 17. Symposium der Studierenden der Religionswissenschaft, vom 13. Mai bis zum 16. Mai 2010 ebenfalls in Hannover. Mehr Informationen dazu unter  http://www.ithrw.uni-hannover.de/studierendensymposium.html

Zu den RW-Masterstudiengängen gibt es auch die Broschüre der DVRW, abzurufen unter http://www.dvrw.de/Publikationen/rw-master_2009.pdf

HANNA LANGER

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