Going Munich – Going Public

8 Jun

Das Schulprojekt als erster Schritt zu „Religionswissenschaft going public“


In der innerreligionswissenschaftlichen Debatte wird häufig der Vorwurf laut, Religionswissenschaftler würden viel zu wenig in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Sobald Fernsehsendungen zu Themen ausgestrahlt werden, in die Religionen involviert sind, werden kaum Religionswissenschaftler zu solchen Formaten eingeladen, sondern, wenn überhaupt, Theologen.

Nun kann man sich darüber streiten, ob das die Schuld der Religionswissenschaftler selbst ist, weil man meint, die Religionswissenschaft hätte sich bis zum heutigen Tag viel zu sehr in einem Elfenbeinturm verkrochen, oder ob die Öffentlichkeit die Kompetenz dieser Fachrichtung nicht wahrnehmen kann oder nicht annehmen möchte – das Fazit ist, dass wir Religionswissenschaftler bei vielen Debatten, in denen Religionen eine Rolle spielen, nicht wahrgenommen werden. Zwar kann man diesen Zustand nicht von heute auf morgen schlagartig ändern, es sind jedoch durchaus Versuche möglich, die Religionswissenschaft in die Öffentlichkeit zu bringen. Einer dieser möglichen Anstöße stellt Dr. Michael Brinkschröders Projekt Religionen in München.
Religionen in München, unter vielen Studenten auch bloß unter dem Namen „Schulprojekt“ bekannt, strebt eine religiöse Kartographie von München an. Alle im Stadtbild vorkommenden religiösen Elemente sollen erfasst und schließlich auf einem religiösen Stadtplan Münchens zusammengetragen werden. Dieses Projekt soll jedoch nicht von einer Gruppe von Studenten allein getragen werden, sondern möchte bewusst „Forschungsteilnehmer“ außerhalb des akademischen Feldes miteinbeziehen. Um der Religionswissenschaft auf lange Sicht eine öffentliche Wertschätzung zu ermöglichen, richtet sich das Projekt vor allem an Probeforscher, die die mittelfristige und langfristige Zukunft mitgestalten werden: Vor allem Schüler der zehnten Klassen werden fürs Projekt herangezogen.
Das „Schulprojekt“ besteht dabei aus drei Phasen: Der Vorbereitungsphase, der Feldphase und der Nachbereitungsphase. Während der ersten Phase begeben sich Herr Brinkschröder und einige Studenten in die Klassenräume und stellen zunächst den Religionskoffer vor. Dieser Koffer beinhaltet eine Vielzahl von Gegenständen, die die Schüler mit Religionen im weitesten Sinne zu assoziieren versuchen sollen. Nach spannenden und auch überraschenden Zuordnungen werden den Schülern die Grundlagen der Religionsgeographie, der Religionsästhetik und der Religionssoziologie näher gebracht. Sie sollen einerseits einen kleinen Ausschnitt religionswissenschaftlichen Arbeitens repräsentieren, sind jedoch vor allem für die zweite Phase notwendig, bei der die Schüler ins religiöse Feld entlassen werden.

Unter der Mithilfe eines Studierenden sollen die Schüler auf einem vorgegebenen Gebiet nach religiösen Elementen suchen, die sie sowohl regionsgeographisch als auch religionsästhetisch einordnen. Dabei werden die Schüler darauf hingewiesen, nicht bloß auf als (konventionell) offensichtlich geltende religiöse Symbole wie das Abbild der heiligen Maria, ein Kreuz oder eine Kirche zu achten, sondern sie werden dazu aufgefordert, ihren Blick auf jedes noch so kleine Merkmal zu schärfen, dass als dem religiösen Feld zugehörig angesehen werden kann.

Zu diesem Feld gehören nämlich auch Ayurveda-Werbereklamen, Qui-Gong-Schulen, Taro-Karten oder sogar Psychologen. Mit Hilfe dieses geschärften Blickes werden die Straßen von München durchforstet und die religiöse Karte Stück für Stück erweitert, wobei zusätzliche Fotographien, die im religiösen Feld entstehen, die später fertigzustellende Karte unterstützen sollen. Über diese detektivische Straßenerkundung hinaus, bei der auch ein Möbelhaus namens „Eve´s Appletree“ mit in der Karte erfasst wird, werden zwei Institutionen des religiösen Feldes besucht. Diese kann sowohl eine Methodistengemeinde oder ein buddhistisches als auch ein Qui-Gong-Verein als auch ein Hexenladen sein.

Bei diesen Gelegenheiten sollen die Schüler ein Interview mit einem Vertreter dieser Institution führen und  ihre neuen Erkenntnisse aus einem religionssoziologischen Blickwinkel betrachten. Diese meist sehr anregenden und interessanten Interviews runden die Feldphase ab und stellen auch ihren Höhepunkt dar. Es folgt die dritte und letzte Phase, während der die gesammelten Daten aus der Feldzeit aufbereitet werden. Es soll am Ende zu der Erstellung einer Karte kommen, in der die Elemente des religiösen Feldes, die von einer jeden Schülergruppe erfasst worden ist, vermerkt werden.


Mit Hilfe der Schulklassen wächst nun Schritt für Schritt ein Projekt, mit dessen Hilfe in naher Zukunft eine umfangreiche Kartographie ganz Münchens fertiggestellt sein wird, auch wenn man aufgrund der umfangreichen Vielfalt des religiösen Feldes und seinen fortschreitenden Veränderungen nur schwer von einer vollständigen Kartographie sprechen kann. Die Einbeziehung von Schülerklassen zeigt hierbei deutlich, dass der Projektleiter Herr Dr. Brinkschröder, wie die Religionswissenschaft überhaupt, die Öffentlichkeit an den Erkenntnissen dieses Projektes mitteilhaben lassen möchte.

Auch wenn es sich momentan lediglich um die Einbeziehung von Schülergruppen handelt, vielleicht ist dieses Projekt ein erster Schritt zu einer „Religionswissenschaft going public“, in welchem Umfang es zuvor noch nicht der Fall gewesen ist. Es wäre erfreulich, wenn in Zukunft bei aufkommenden Debatten, in denen die Religionen eine Rolle spielen, auch die Religionswissenschaftler zu Worte kommen würden. Schließlich sind gerade sie diejenigen, die das religiöse Feld nach einer umfangreichen Durchforstung am kompetentesten widergeben können, wie das vorgestellte Projekt zeigt. Zwar ist dieses Projekt noch nicht abgeschlossen, man kann aber jetzt schon ganz gespannt auf die fertige religiöse Karte Münchens warten, die Herr Brinkschröder in hoffentlich naher Zukunft vorstellen wird.

MICHAEL LIWERSKI

Das Schulprojekt von Dr. Michael Brinkschröder gewann 2009 den ersten Platz im Wettbewerb zur Stadtentwicklung „Mitdenken – Mitreden – Mitplanen“ der Stadt München.


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