Welcome to Sri Lanka

7 Jun

 Die Religionsökonomie neigt dazu, bei vielen Menschen Unbehagen oder Verwunderung hervorzurufen. Religion mit Begriffen des freien Marktes zu beschreiben, von der Produktion religiöser Heilsgüter, Kosten-Nutzen-Kalkülen oder individuellen Portfolien mit verschiedenen religiösen Anbietern zu sprechen scheint befremdend. Will eine solche Beschreibung von Religion doch einfach nicht so recht in unser Bild von ihr passen. Kalt ist er, der allzeit rationale homo oeconomicus.

Eine Möglichkeit wäre nun in die Tiefen der europäischen Religions- und Ideengeschichte zu blicken, um zu verstehen warum wir so denken, wie wir denken.
Stattdessen entschieden wir uns ins ferne Hamm in Nordrheinwestfahlen zu fahren und am jährlichen Tempelfest der tamilischen Diaspora aus Śri Lanka teilzunehmen.
Kalt war vom 6. bis 8. Juni eigentlich nur das Wetter.

Als – dank unermüdlichem Engagements der Hiwis – die Planung der Exkursion und unserer Feldforschung endlich stand, war die erste Hypothese der Religionsökonomie bereits empirisch verifiziert: Die Teilnahme an einem Hindu-Tempelfest kostest Geld. Preisvergleich bei Deutscher Bahn und Kosten eines Mietwagens ergaben, dass die Fahrt mit Privatautos und Kilometergeld für die Fahrer am besten finanziert werden konnte (durch Studiengebühren).

Im Industriegebiet Hamm-Uentrop gelegen, sieht man schon von Ferne den Hauptturm des tamilischen Tempels … und die Unübersichtlichkeit eines ziemlich exotischen hinduistischen Festivals. Höhepunkt ist die Prozession mit einer mobilen Statue der Hauptgöttin des Tempels, Śrī Kamakṣī. Ganzjährig sorgen Ritualspezialisten durch mehrmals täglich durchgeführte – äußerst kosten- und zeitintensive – pujas für die permanente Präsenz der Göttin im Tempel.

An jenem Wochenende jedoch verlässt sie ihren Palast in einem „mobilen Tempel“.
Und die angehenden Religionswissenschaftler aus München? Schon wieder bestätigt sich eine altbekannte These: Religion ist kein einheitliches, monolithisches Gebilde … und wo ist der berühmte rote Faden? Er drängt sich nicht einfach auf: alles scheint gleichzeitig abzulaufen.

Eine puja für Kamakṣī hier, die rituelle Vorbereitung ihres mobilen Tempels dort, junge Männer in Trance mit durchbohrten Wangen und kavaṭis auf ihren Schultern, Tempelmusik, spielende Kinder, in ganz Europa verstreute Familien, die hier wieder zusammen finden, Menschen, die den segensreichen Blick (darśana) einer Gottheit empfangen, Mantras in Sanskrit und Tamilisch, die in ohrenbetäubender Lautstärke aus riesigen Lautsprechern tönen, die Verteilung von zuvor der Göttin dargebrachten Gaben und vieles mehr, das meiner Aufmerksamkeit entgangen ist.

Also flüchte ich mich kurz aus dem engeren Bereich des Tempelkomplexes, nur um mich im ähnlich komplexen Gewirr einer über Nacht entstandenen Zeltstadt wieder zu finden: südindische kulinarische Spezialitäten, Saris, Tücher, T-Shirts, Jeans, die neueste Bollywood-DVD, tamilische Pop-Songs, die in ohrenbetäubender Lautstärke aus riesigen Lautsprechern tönen, Spendensammler für Opfer des Bürgerkrieges auf Śri Lanka, Götterbilder, Räucherstäbchen, Blumengirlanden und vieles mehr.
In gewohnter Manier greife ich zurück auf die Methode der Analyse: was hiervon ist Religion, was Kommerz, was soziale Dynamik einer Diaspora, die ihre Kultur in fremder Umgebung ständig neu konstituiert, was ist authentisch, was ist hybrid. Mein Bedürfnis nach Ordnung jedoch wird enttäuscht und ich gebe auf und ruhe mich bei einer Portion Kichererbsen aus.


Was nehme ich mit nach Hause von unserem Ausflug in diesen dritten Raum irgendwo zwischen dem Ruhrpott und Ceylon? Eine CD mit den Valentine Hits 2009, jeweils ein Kultbild von Kamakṣī bzw. Śiva mit Gattin und Söhnen, eine Erkältung und die Einsicht, dass die so verfremdend erscheinende Beschreibungssprache der Religionsökonomie die Sinnlichkeit, Wärme und die religiöse Intensität dieses Festivals nicht zu zerstören vermag. Im Gegenteil.

Sie hilft mir dabei, mehr zu sehen als Gewirr, sie hilft mir, mit der Diskrepanz zwischen meinem persönlichen Orientalismus und meinen Beobachtungen umzugehen, sie hilft mir, die faszinierende Komplexität des Tempelfests  nicht einfach auf „Begegnung mit dem Heiligen“ zu reduzieren und schließlich hilft sie mir, „Tempel“ und „Markt“ zusammen zu sehen und damit wohl beiden gerechter zu werden.

STEFAN BINDER

—–

Fotos: MIRIAM TRESCHER

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