Tante Erna will’s mal wieder wissen: Was ist Religionsökonomie?

13 Mai

Es ist ein kuscheliger Sonntagnachmittag, die ersten Schneeflocken fallen zwar schon, der letzte Kater ist aber noch lange nicht durch den Neuschnee auf und davon gelaufen. Während mein Kopf noch ein wenig brummt, erhalte ich einen aufgebrachten Anruf von Tante Erna, die ihr sicher mittlerweile schon als frisch gebackene Hobby-Religionswissenschaftlerin kennengelernt habt.

„Ich habe gerade etwas Unglaubliches im Fernsehen gesehen!“, keucht meine geliebte Großtante atemlos ins Telefon. „Jemand hat behauptet, Religion sei heutzutage ja auch nur noch ein Geschäft und ein Markt mit Angebot und Nachfrage! Stell dir das mal vor! Du als Religionswissenschaftler musst doch auch geschockt sein!“
Oh nein. Tante Erna entdeckt die Religionsökonomie. Aber offensichtlich nicht gerade positiv.
„Naja, weißt du…“ beginne ich müde, „das ist durchaus ein Ansatz, über den man sprechen kann. Nicht, dass Religion nur noch ein Geschäft ist, denn wir bewerten ja nichts, aber…“
„Ich mache mich sofort auf den Weg, das musst du mir mal erklären, aber hallo!“
Tante Erna knallt den Hörer so laut auf die Gabel, dass es in meinem geplagten Kopf knallt wie eine Silvesterrakete. Widerspruch zwecklos. Adé, liebe Couch, rein in die Klamotten…

Keine zehn Minuten später – ich stehe gerade mit nassen Haaren in unserer WG-Küche und koche einen starken, nein, einen sehr starken Kaffee – steht Tante Erna auch schon vor der Tür. Wuchtig wie eh und je schiebt sie sich auf einen unserer alten Klappstühle und verschnauft erstmal. Ich stelle ihr und vor allem mir jeweils eine große Tasse von meinem Turbo-Kaffee vor die Nase, setze mich neben sie und ergebe mich meinem Schicksal.

„Also, weißt du, ich bin wirklich entsetzt“, schnaubt die liebe Erna und nippt von ihrem Kaffee.
„Aber Tante Erna. Lass es uns doch einmal ruhig angehen. Was du da ansprichst, ist auch ein Zweig der Religionswissenschaft, die Religionsökonomie. Das ist eine Subdisziplin in unserem Fach, die sich, kurz gesagt, mit dem Zusammenspiel von Religion und Wirtschaft beschäftigt. Zum Beispiel gibt es Wissenschaftler, die sich dafür interessieren, wie sich einzelne Religionsgemeinschaften überhaupt finanzieren.“, beginne ich mit meiner Erklärung.
„Aber wo ist denn da bitte der Zusammenhang? Finanzieren, ja, von mir aus, aber das kann man doch so nicht sagen…“ plappert Tante Erna drauflos.
„Wieso? Du bezahlst zum Beispiel sogar Kirchensteuer“, werfe ich mit hochgezogenen Augenbrauen ein.
Tante Erna stellt nachdenklich ihre Tasse ab. In ihren Augen steht deutlich geschrieben: Ui, das stimmt ja.
„Na siehst du. Außerdem gibt es in der Geschichte zahlreiche Beispiele dafür, wie religiöse Gemeinschaften und Wirtschaft oder sagen wir mal, finanzielle Dinge zusammenspielen. Denk mal an den Ablasshandel der katholischen Kirche. Oder denk an die vielen Wallfahrtsorte, an denen man geradezu erschlagen wird von kleinen Läden und Buden mit religiösen Souvenirs.“

Eine halbe Stunde später hat Tante Erna dann verstanden, dass Religion und so etwas „Weltliches“ wie Geld durchaus einen Zusammenhang haben können und dass es oft sehr spannend sein kann, diesen zu untersuchen. Skeptisch ist sie aber immer noch, ob man das „einfach so sagen darf“.

„Hör mal, Tante Erna, da steckt doch nichts Schlimmes dahinter. Es geht in der Religionswissenschaft nicht darum, diesen Zusammenhang zu bewerten, sondern lediglich darum, solche Verbindungen zu erforschen, um ein bisschen Klarheit über manche Themen zu erhalten.“Seufzend akzeptiert sie schließlich meine Erklärung und nimmt sich lautstark vor, an mich zu denken, wenn sie nächstes Mal in der Kirche ihr Kleingeld in den Klingelbeutel wirft.

SERMINA SIDIG

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