Tante Erna fragt: Was ist eigentlich Religionswissenschaft?

13 Mai

„Ich studiere Religionswissenschaft.“


Ich möchte mal einen Studenten erleben, der auf diese Aussage keine ratlosen Blicke geerntet hat. Die Frage „katholisch oder evangelisch?“ macht noch weniger Sinn als der ratlose Blick. Nein, ich werde nicht Pfarrer. Auch nicht Nonne.

Hat man erstmal mit einem überzeugten und vielleicht schon ein bisschen genervten Unterton (man sagt es ja nicht zum ersten Mal) den Satz „Religionswissenschaft ist nicht Theologie“ zwischen den schon leicht knirschenden Zähnen heraus gepresst, steht man dennoch meist erst am Anfang des Problems. Schließlich fragt der interessierte Bekannte, oder noch schlimmer, die interessierte und zugleich schon besorgte Großtante Erna als nächstes garantiert: „Was denn dann?“

Ja, was denn dann? Der klägliche Versuch eines „Wir beschäftigen uns mit keiner bestimmten Religion, sondern mit den Religionen allgemein“ erntet zwar meist ein verstehendes, aber mitleidiges Kopfnicken, doch stets dicht gefolgt von einem vorsichtigen „Und was machst du dann damit?“

Religionswissenschaft ist eine interdisziplinär und kulturwissenschaftlich arbeitende Disziplin, die religiöse Traditionen, Vorstellungen und Handlungsmuster erforscht. Neben den bekannten Religionen gehören auch die Entstehung und Entwicklung von ‚Weltbildern‘ und Orientierungsmustern zu ihrem Gegenstand. Um deren Rolle in Geschichte und Kultur bestimmen zu können, verbindet die Religionswissenschaft Spezialwissen über Religionen mit einer Bandbreite methodischer Perspektiven auf ihren Gegenstand.

Das sagt unsere Homepage dazu. Man tut daran, es zu verinnerlichen, um es auch weitergeben zu können. Denn – mal ehrlich: Viele sind sich schon sehr bewusst darüber, was sie da eigentlich tun, aber wie viele können es auf den Punkt bringen?
Gehen wir diese Beschreibung doch einmal genauer durch, um unsere Großtante zufrieden zu stellen.

Wir beschäftigen uns also auf einer wissenschaftlichen Ebene mit Religionen in all ihren Facetten – nicht nur die bekannten Religionen, sondern alle Orientierungsmuster. Soweit verständlich, möchte man meinen. Wichtig ist, dass wir versuchen, dabei den Überblick zu behalten und weder nur die Selbstbeschreibung einer religiösen Gemeinschaft betrachten, noch nur vermeintlich neutrale Beschreibungen von außen. Wir wollen möglichst umfassend und wertfrei beschreiben. Aus diesem Grund sind wir interdisziplinär – das heißt, wir schauen gerne mal über unseren Tellerrand hinaus und fragen die anderen, was sie dazu meinen. Die anderen, das sind auch diejenigen, die uns bei der großen Bandbreite methodischer Perspektiven und Theorien das eine oder andere Mal helfend unter die Arme greifen. Man denke das zum Beispiel an die Soziologie, die Ethnologie, die Psychologie, die Sprach- und Kulturwissenschaften.

Apropos Kulturwissenschaft, als solche verstehen wir uns auch. Stellt man der Erna die Frage „Gibt es Kultur ohne Religion oder umgekehrt?“ kann man sie vielleicht sanft auf diesen Grundsatz unseres Studiengangs stoßen. Wir eignen uns also grundlegende Kenntnisse über religiöse Gruppierungen und deren Weltbilder an, was durch vernetztes Denken besonders fundiert passieren sollte. Zu guter letzt sollte man einen eingehenden Blick auf den Kontext werfen, in dem die Religion sich so herumtreibt, um wichtige Zusammenhänge zu erkennen.

Ein großer Brocken Theorie, zugegeben. Es wird uns nicht überraschen, dass Großtante Erna noch nicht so ganz überzeugt ist von dem, was wir da tun. Es fehlt ihr etwas Handfestes, ein konkretes Beispiel, irgendwas, womit sich jetzt so ein Religionswissenschaftler beschäftigt. Liefern wir ihr doch einmal ein paar Ansätze:
Wie kommt es, dass Barack Obama als der neue Messias bezeichnet wird? Hat George Bush wirklich so viel über religiöse Dinge gesprochen? Was glauben eigentlich die Zeugen Jehovas? Wie empfinden  religiöse Menschen ein Ritual in ihrer Tradition, z.B. den Weihnachtsgottesdienst? Worauf muss ich denn achten, wenn ich in ein muslimisches Land fliege? Predigt der Islam eigentlich, dass man Terrorist werden muss? Und wie kommt es, dass wir plötzlich überall Buddha-Figuren finden?

Ah, wie schön, das Gesicht unseres Gegenüber hellt sich auf. Langsam dämmert es Tante Erna, was wir tun. Und es ist auch gar nicht so sinnlos, wie sie anfangs dachte. Wer besonders in Fahrt ist, kann sie jetzt auch noch kurz darüber aufklären, dass es wirklich wichtig ist, bei der ganzen Angelegenheit nicht normativ vorzugehen und seinen eigenen kulturellen Kontext zu berücksichtigen und dass es auch nicht darum geht, „die wahre“ Religion zu finden.

Ob man den letzten Teil nun auslässt oder nicht, eine Frage kommt trotz allen Verständnisses noch hinterher: „Das klingt wirklich interessant. Aber was wird man denn damit später mal?“
Bemühen wir uns, Tante Erna auch noch diese letzte Frage zu beantworten. Auch wenn es schwierig ist, eine eindeutige Antwort darauf zu geben, denn Religionswissenschaft ist nun mal kein Studiengang wie Tiermedizin (damit wird man wohl ziemlich sicher Tierarzt). Aber ja, die Welt kann auch ReligionswissenschaftlerInnen gebrauchen. Ja, auch außerhalb der Uni. Wie wäre es beispielsweise mit wissenschaftlich fundierten Berichterstattungen über religiöse Konflikte? Auch Städte und Gemeinden sind dankbar über Mitglieder in Gremien, die eine interkulturelle Kompetenz vorweisen können. Über die im Rahmen des Studiums erlernten Fremdsprachen stehen oft auch Türen von international agierenden Firmen offen, die gerne BeraterInnen aus der Religionswissenschaft einstellen. In der sozialen Arbeit, zum Beispiel bei Migrationsbehörden, bietet sich ebenfalls ein interessantes Tätigkeitsgebiet. Oder was würde Tante Erna sagen, wenn sie erfährt, dass auch die Polizei durchaus Interesse an der Mitarbeit religionswissenschaftlicher ExpertInnen hat?

Diese Liste könnten wir hier natürlich noch um einiges verlängern, schließlich hat ein jeder von uns seinen ganz eigenen Plan, was er mit seinem Studium einmal anfangen wird. Eines sei dir auf jeden Fall gesagt, Tante Erna: Wir studieren nicht, um Taxifahrer zu werden. Unser Studiengang ist einzigartig und kann in den unterschiedlichsten Bereichen Anwendung finden, um wichtige Perspektiven nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Denn irgendwie finden wir doch überall ein bisschen Religion…

SERMINA SIDIG

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7 Antworten to “Tante Erna fragt: Was ist eigentlich Religionswissenschaft?”

  1. Rania Mai 4, 2011 um 16:39 #

    Und was ist mit Vorwissen. Braucht man Vorwissen in Religion oder muss man in bestimmten Fächern gute Leistungen vorzeigen um Religionswissehnschaften zu studieren?

    • miriam Mai 4, 2011 um 17:40 #

      Also erst mal ist Religionswissenschaft nicht zulassungsbeschränkt, das heißt, du kannst es mit jeder Abiturnote studieren. Was du aber mitbringen musst, ist die Bereitschaft zu lernen, dich intensiv mit Themen auseinanderzusetzen und über deinen (geistigen) Tellerrand hinauszuschauen. Ich hoffe ich konnte dir helfen. Wenn du noch weitere Fragen hast, kannst du mich gerne kontaktieren: kontakt@miriamtrescher.de

      Viele Grüße
      Miriam

      • Rania Mai 21, 2011 um 15:02 #

        Danke für die Antwort 🙂

  2. Christian März 10, 2012 um 12:48 #

    Ich habe auch noch mal eine frage zur Religionswissenschaft. Ist es nach dem Abschluß des studiums möglich, in die forschung zu gehen, also beispielsweise in anderen ländern den Ursprung von Religionen zu finden beziehungsweise zu sehen und dort zu forschen?

    • wendepunkte März 28, 2012 um 18:51 #

      Hallo Christian,

      in die Forschung gehen kann man auf jeden Fall immer und das lohnt sich inhaltlich auf jeden Fall! In der Regel funktioniert das, indem du an der Uni bleibst, idealerweise natürlich irgendwann als Professor und dann auch mal Stellen in deinem gewünschten (Aus-)Land annimmst, wo du dann natürlich auch forschst.

      Den Ursprung von Religion finden zu wollen ist allerdings ein ehrgeiziges Ziel, um nicht zu sagen, ich würde sogar fast von ’nicht machbar‘ reden – je nachdem, was du darunter verstehst. Wenn du dir z.B. einfach anschauen möchtest, wie eine bestimmte religiöse Bewegung entstanden ist und sich in der Geschichte entwickelt hat, kannst du das gern tun. Aber Fragen wie, ob der Ursprung einer Religion bei ‚Gott‘ o.ä. liegt, lassen sich wissenschaftlich leider einfach nicht beantworten, denn wir können weder wissenschaftlich beweisen, dass es ‚Gott‘ gibt oder dass es so etwas wie ‚Gott‘ nicht gibt.

      Wenn du noch mehr Fragen hast oder mit der Antwort nicht zufrieden bist, kannst du gern Miriam (s.o.) oder mich (h.a.langer@begegnungspunkte.de) nochmal persönlich anschreiben 😉

      Viele Grüße,
      Hanna

    • miriam März 28, 2012 um 18:59 #

      Hallo Christian!

      Hanna hat deine Frage ja schon sehr ausführlich beantwortet. Dazu nur noch ein kleiner Nachtrag: Selbstverständlich kannst du an Universitäten eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen. Wenn du allerdings vor Ort an etwas forschen möchtest, muss dir bewusst sein, dass du das im schlimmsten Fall aus deiner eigenen Tasche bezahlen musst. Erst danach kannst du mit den Forschungsergebnissen und ggf. Publikationen hausieren gehen. Also reich wirst du damit nicht, aber wenn es dir Spaß macht, dann ist Geld auch egal. Und das können wir dir zumindest sagen: Spaß machen tut die Religionswissenschaft allemal!

      Liebe Grüße
      Miriam

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  1. Religio Scienco – Religionswissenschaft 2.0 « "Ich würde es genauso wieder machen" (Sophie Scholl) - Mai 16, 2010

    […] man da alles erfahren kann? Eine ganze Menge, z.B. was Religionswissenschaft eigentlich ist oder andere Antworten auf Fragen von Tante Erna.  Oder etwas über das […]

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