Tante Erna fragt: Was ist eigentlich Religionsästhetik?

13 Mai

Stolz berichteten wir in der letzten Ausgabe von unserem Zusammentreffen mit Großtante Erna, der wir letztendlich einigermaßen verständlich erklären konnten, was wir denn eigentlich studieren. Und dass wir damit keinesfalls als Taxifahrer enden werden.

Nun ist Tante Erna sehr zufrieden, dass doch noch was aus dem Kind werden kann und gibt sich die größte Mühe, allen auch noch so entfernten Verwandten, Bekannten, Nachbarn und ehemaligen Freundesfreunden enthusiastisch von all dem zu berichten, was wir da an der Universität so treiben. Natürlich nicht ohne zu betonen, dass sie von Anfang an wusste, welch glänzende Wahl Junior mit diesem Studienfach getroffen hat.
Es trug sich aber zu, dass Tante Erna vergangene Woche auf jemanden traf, der zu ihrem Leidwesen ein wenig genauer nachfragte. „Ich habe gehört, die Religionswissenschaft arbeitet in verschiedenen Teildisziplinen. Das würde mich ja mal näher interessieren! Damit kennen Sie sich doch sicher auch aus, nicht wahr, Erna?“

Prompt sitzt Tante Erna also nach Luft ringend eine Stunde später am noch nicht ganz gedeckten, aber immerhin nicht wirklich klebrigen Kaffeetisch in der beinahe aufgeräumten WG und überhäuft mich mit Vorwürfen, wieso um alles in der Welt ich es wagen konnte, ihr nicht alles, aber auch wirklich alles von diesem Studiengang zu erzählen. Wie stünde sie denn auch da, wenn sie mit all den Leuten spricht und dann doch nicht alles weiß?

Bei einem Päckchen Kekse und einer Müslischüssel voll Kaffee beginnen wir also mit der Einweihung Tante Ernas, auf dass sie sich nicht mehr blamieren muss. Wir beginnen mit einem Teilbereich der Religionswissenschaft, der immer mehr an Bedeutung gewinnt: Der Religionsästhetik. Am Anfang steht die bei Tante Erna ein zweifelndes Stirnrunzeln hervorrufende Erklärung, dass der Begriff Religionsästhetik nun nichts zu tun hat mit dem Begriff der Ästhetischen, wie die meisten von uns ihn verwenden. Es geht nicht um die Schönheit, sondern um die Untersuchung der sinnlichen Dimension von Religion. Tante Erna nickt zwar eifrig, aber nicht unbedingt verstehend.

„Tante Erna, woran denkst du, denn du Weihrauch riechst?“ fragt man, um der Großtante den Zugang erleichtern. Ein erleichterndes Lächeln huscht über ihr Gesicht: „Kirche, Gottesdienst, Weihnachten, Friedhof,…“
„Siehst du. Das ist ein gutes Beispiel: Du bist geprägt in deiner Wahrnehmung. Stell dir vor, die lässt ein Mitglied einer religiösen Gruppe, die nie mit Weihrauch zu tun hat, riechen. Die hätten vermutlich gar keine Assoziation, oder zumindest eine ganz andere.“
Tante Ernas Gesicht hellt sich abermals auf. Die erste, wenn auch kleine Nuss ist geknackt.

Es folgen weitere Erklärungen, die Tante Erna darauf stoßen, wie wichtig die sinnliche Wahrnehmung ist. Welche Rolle beispielsweise der Raum spielt, in dem wir uns befinden, wie visuelle Effekte ein Gebet verstärken können, auf welche Art und Weise bestimmten Körpertechniken wie Meditation von religiösen Gruppe eingesetzt werden können. Dass Kunst oft eng mit Religion verwoben ist, dass Tanz und andere Bewegungsformen in vielen Gottesdiensten eine große Rolle spielen, und dass man all das mit untersuchen sollte, wenn man die sinnliche Dimension einer religiösen Vereinigung nachvollziehen möchte.

Um Großtante Erna nichts vorzuenthalten, berichten wir natürlich auch davon, mit wie vielen anderen Disziplinen die Religionsästhetik zusammenarbeiten kann: Von der Soziologie über die Psychologie und die Kunstgeschichte bis hin zu Medizin und Sportwissenschaft. Und natürlich ist sie eng mit den anderen Teilgebieten der Religionswissenschaft verwoben, wie zum Beispiel der Religionspsychologie. Begeistert fragt Tante Erna, welche Disziplinen ich denn noch auf Lager hätte und wann wir die alle besprechen und wann sie die weitergeben kann an ihre Verwandten, Bekannten und sämtlichen Kaffeekränzchen-Damen. Zu Tante Ernas Leidwesen muss ich allerdings jetzt zur Uni, von nichts kommt schließlich nichts. Aber während ich den letzten Schluck Kaffee aus meiner Müslischale schlürfe, verkündet sie freudestrahlend: „Das macht nichts, dann komme ich morgen wieder!“ …

SERMINA SIDIG

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