Religion in der Schönen Literatur – Ein Interview

13 Mai

Dr. Alexandra Grieser, Assistentin am Institut für Religionswissenschaft an der LMU München, beschäftigt sich seit einiger Zeit mit dem Forschungsthema Religion und Schöne Literatur.

Wie sind sie auf das Thema Schöne Literatur und Religion gekommen?


Na, ich lese gerne! – So stimmt das natürlich nicht. Man macht ja auch andere Dinge gerne und deshalb noch kein Forschungsprojekt daraus. Aber trotzdem: Viele Forschungsideen entwickeln sich sehr wohl aus eigenen Interessen und Aufmerksamkeiten. Ich habe neben Religionswissenschaft und Rhetorik eben auch Germanistik studiert. Und mit jedem Semester mehr Religionswissenschaft ging mir auf, dass sich fast alle Literatur, die wir unter die belles lettres rechnen, in irgendeiner Form mit der religiösen Situation befasst, in der sie geschrieben ist. In Kritik oder Affirmation, als Konkurrenz, als Instanz, die das Religiöse verhandelt oder ignoriert – aber fast immer in Bezug auf die gesellschaftlich-religiöse Situation. Gerade wenn sich moderne Literatur verweigert, moralisch zu sein oder Werte zu vermitteln, ist das ein Statement gegen die Sinnverpflichtung der Literatur, um nicht zu sagen die religiöse Verpflichtung, aus der sie sich erst im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts befreit hat.
Also las ich und fand immer mehr Religionsgeschichte und spannende Auseinandersetzungen mit Fragen, die durch Religion aufgeworfen werden – aber kaum jemanden, der oder die sich damit befasst hätte, wie man diese Fragen und Beziehungen klug hätte bearbeiten können. In der Germanistik gibt es sogar eine Tradition, die ich als kryptotheologisch bezeichnen würde. Die fragt bis in die 1960er Jahre hinein eher danach, ob Literatur nun würdiger Ersatz der – natürlich christlichen – Religion sei bzw. sie will das von den Göttern oder dem Unbewussten oder dem Geist geküsste Genie vor der Moderne retten und vor allem die sogenannte hohe Literatur so als religionsähnlich verstehen. Heute arbeitet auch die Germanistik kulturwissenschaftlich, aber beim Thema Religion scheiden sich noch immer die Geister. Ich hatte dann das Glück, bei einem Dozenten in der Religionswissenschaft Heinrich Heine, Baudelaire, Nietzsche und Oscar Wilde religionsanalytisch lesen zu lernen. Damit ging mir eine Welt auf, methodisch und inhaltlich. Erst im Rückblick erkennt man irgendwann, was einen im Denken und in der eigenen Position geprägt hat. Diese Art des Lesens gehörte für mich dazu. Na ja, und ein Projekt wird draus, weil man sich umguckt und nicht sieht, dass es das schon irgendwo besser gibt.

Der Musiker Marilyn Manson bezeichnet die Bibel als „Schöne Literatur“. Wo ziehen sie die Grenze?

Dass jemand, der in unserer Kultur als agent provocateur unterwegs ist, diese Unterscheidung noch gebrauchen kann, um Differenzen zu ziehen, ist doch erstaunlich, oder? Da ist seit Brecht – „Sie werden lachen – die Bibel!“ – doch nicht so viel passiert. Oder gerade doch: Die Inszenierung der Bibel von Ben Becker hat ja gerade versucht, den prophetischen Donnerhall effektiv ins Heute zu holen – Bibel als antikes Theater, sozusagen, oder Ben Becker als Verkündiger?
Aber Sie fragen nach der Grenze. Erst mal: Die Grenze habe nicht ich zu ziehen, sondern die ist historisch heiß umkämpft und noch nicht besonders alt. Es sei denn, man beginnt in der Auseinandersetzung zwischen antiker Literaturtradition und christlichem Offenbarungsverständnis. Außerdem fragt unsereins natürlich: Welche Bibel? Welche Teile? Und provokativ könnte ich fragen: Was soll sie denn sonst sein? Ein Sachtext? Also wie immer, ein Text IST nicht schöne Literatur oder religiöse Offenbarung, sondern wird in bestimmten Traditionen unterschiedlich behandelt. Es ist klar, dass die europäische Literatur zutiefst von biblischen Formen geprägt ist. Die Bibel ist Hintergrundfolie, nicht nur für den Faust und Josephs Brüder. Die Provokation von Manson liegt immer noch darin, einen sogenannten heiligen Text „nur“ als schöne Literatur anzusehen, das heißt, nicht nach der Wahrheit seiner Aussage zu fragen, sondern seine Gestaltung und Wirkung, seine Nutzung und Rezeption zu studieren und ihn damit vergleichbar zu machen zu anderen Texten, ja sogar anderen Medien. Und Manson kann das so erst seit gut 200 Jahren sagen. Die Idee eines unabhängig schaffenden Schriftstellers ist – trotz einzelner Vorläufer – sehr jung. Neben religiösem Wandel brauchte es die Entstehung einer Öffentlichkeit, einen Buchmarkt, ein gebildetes Publikum und eine Gesellschaft, die „unkontrollierte Gedanken“ hören wollte.

Also, spannender als zu beurteilen, was schöne Literatur sei und was nicht, finde ich die historischen und aktuellen Kämpfe um diese Grenze, auch in der Wissenschaft. Die Idee der Frühromantiker, eine neue Bibel zu schreiben bzw. die alte fortzuschreiben, wäre bis heute eine Probe aufs Exempel, wie frei die Kunst ist – oder wie ernst sie von der Gesellschaft genommen wird.

Die writing culture-Debatte führte in der Ethnologie dazu, von wissenschaftlichen Werken Abstand zu nehmen und Ethnographien in Form von Romanen zu veröffentlichen. Fallen solche Werke dann bereits unter Ihr Forschungsprojekt?


Ja, klar. Und zwar auch dann, wenn das Ganze nicht offensichtlich mit Religion zu tun hat. Denn die Grundidee ist ja weniger, dass man von wissenschaftlichen Werken Abstand nimmt, sondern – wie es Hubert Fichte poetisch gesagt hat: Dass man der Wissenschaft ihre Sprache wiedergibt. Wissenschaft will eben nicht mehr als „neue Mythologie“ auftreten, die eine objektive Wahrheit verkündet. Sie will Konsequenzen ziehen aus der Einsicht in die Perspektivität allen Erkennens. Aber das Missverständnis ist häufig, dass man durch Einsatz literarischer Mittel ungenauer werden könne oder seine private Befindlichkeit beleuchten solle. Es geht immer noch um Wissenschaft, um Genauigkeit und um ein hohes Formbewusstsein: WIE kann ich die Differenz zu meinen eigenen Erkenntniskriterien begreifen und versprachlichen? Die Bedingungen sichtbar machen? Literarische Mittel sollten mehr Genauigkeit produzieren, indem sie Paradoxien und Widersprüche anders ausdrücken können als analytische Sprache. Literatur enthebt einen eben nicht des Denkens, wie es das romantische Verständnis suggeriert.
Und natürlich gehört es zum Blick des Projektes, das Literarische IN der Wissenschaft zu erkennen. Da wäre einmal zu schauen, wie z.B. Eliade sein religiös-wissenschaftliches Konzept als Kurzgeschichten formuliert hat; zum anderen kann man mit literarischer Formanalyse im Repertoire schnell erkennen, wie viel „Literatur“, Geschichten, Metaphoriken auch in vermeintlich nicht-figurativen Texten der Wissenschaft stecken. Es ist toll, auch sich selbst immer wieder auf die Schliche zu kommen, mit welchen Geschichten und Figuren im Kopf wir Wissenschaft betreiben!

Wie sehen Sie persönlich das Verhältnis von Literatur und Religion?

Als Wissenschaftlerin finde ich das systemtheoretische Modell hilfreich, dass Religion und Literatur als gesellschaftliche Subsysteme einander „Umwelt“ sind und jeweils unterschiedlich aktualisiert werden können. Sie können eben die Bibel als schöne Literatur lesen, aber Sie können auch ein „Kultbuch“ als Offenbarung begreifen. Das Verhältnis ist also komplex und jeweils genau zu beschreiben.

Wenn sie mich persönlich fragen, habe ich einen sozusagen anthropologischen Blick auf dieses Verhältnis, der mich intensiv beschäftigt. Menschen haben die Fähigkeit, über ihre direkte Wahrnehmung und Erfahrung hinaus imaginieren zu können. Umwerfend, oder? Sie tun das als Religionen, indem sie Muster entwerfen für Zusammenhänge, die über Wahrnehmungsgrenzen, Zeit, Raum, Empirie hinausgehen. Und sie tun das als Fiktion: Als Erfindung, die weiß, dass sie Erfindung ist, und die so Utopien denken kann, „was-wäre wenn-Szenarien“ durchspielen kann und versuchen kann, das noch Unvorstellbare sich vorzustellen. Wenn nun die Fiktion über Religion nachdenkt, der Mensch also weiß, dass er imaginiert und gleichzeitig weiß, dass er damit Realität schafft, dann ist das eine der mutigsten Versuche, die Grenzen des Menschseins auszuloten.

Inwiefern ist dieses Thema für die Religionswissenschaft relevant?

Kulturen tun viel, um diese Grenzen zu schützen, auch mit Gewalt. Mich interessieren die Versuche der Entgrenzung, des Weitergehens unter Bedingung der eigenen Grenzen sehr. Und es beeindruckt mich immer wieder, wie Menschen oft ein Leben lang an diesen Versuchen gearbeitet haben, dass sie uns ihre Ergebnisse zu Verfügung gestellt haben.
Schließen wir Unterhaltungsliteratur, Krimis, Science Fiction in die Schöne Literatur ein, dann haben wir es mit einem der wirkungsmächtigsten Medien zu tun, das die Imagination unserer Kultur speist. Bei Aristoteles heißt das noch „Information“: wir werden informiert in unserer Einbildungskraft, in den Vorstellungen, mit denen wir Welt erleben, beurteilen. Unsere Vorstellung ist geprägt, würden wir heute sagen. Und in der Tradierung von Religion, behaupte ich mal, spielen Literatur und Film heute eine größere Rolle als Religionsunterricht oder religiöse Unterweisung. Das lernen sie ja bereits im Grundkurs, Europäische Religionsgeschichte!

Dabei ist eben nicht so interessant, ob Literatur nun religiöse Funktion hat oder nicht. Viel wichtiger ist zu beobachten, was da verhandelt wird und was Menschen damit anfangen, außer dass eben durch Literatur religiöse Muster in einer Kultur vorgehalten werden oder durch Literatur überhaupt erst in die Kultur Einzug halten, wie das zum Beispiel mit asiatischen Religionsvorstellungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Fall war – ohne Hesses Siddharta hätte der Hippie-Bewegung was gefehlt! Oder beobachten sie, wie intensiv der Islam zurzeit in arabischer Literatur reflektiert und verändert wird. Wie Literatur Medium der Indoktrination aber auch der Subversion und Befreiung sein kann. Oder warum Platon was gegen die Dichter hatte. Das heißt, wenn wir Literatur als Medium nicht beobachten und schauen, was Menschen damit tun, entgeht uns ein wichtiger Teil der Religionsgeschichte, nicht erst der Moderne.

Sie haben mehrere interessante Teilthemen in Ihrer Projektbeschreibung aufgeführt. Hegen sie für eines oder mehrere ein besonderes Interesse?

Ganz dem Münchener Schwerpunkt entsprechend, nenne ich zuerst Theorie und Methode. Anne Koch und ich haben vor ein paar Semestern ein Seminar zusammen gemacht, das die verschiedenen Beziehungen und Herangehensweisen erst mal zu einem Forschungsfeld formulieren sollte. Leseforschung, Psychologie des Lesens, lesen als religiöse Praxis, Literatursoziologie, all das hatte ich bis dahin noch gar nicht integriert. Da gibt es noch viel zu tun, und ich würde gerne einen Rahmen formulieren, in dem man – multiperspektivisch, wie wir zu denken gewöhnt sind – die unterschiedlichen Aspekte miteinander verknüpfen kann.
Toll ist auch immer noch, die akademischen Debatten in ihren Ideologien mit zu beobachten. Wie wichtig die scheinbar so ätherische, schöngeistige Literatur plötzlich wird, wenn sich die Religionswissenschaft erlaubt, sie zum Gegenstand zu machen. Und natürlich hätte ich auch gern, dass literaturwissenschaftliche Kenntnisse und rhetorisches Formbewusstsein stärker ins Curriculum gehörten.
Und als drittes gehe ich noch mal zum Imaginieren zurück: Man sagt, Literatur „spielt“ mit religiösen Formen, verwendet sie, um Neues oder anderes zu sagen. Das Spiel ist eine Metapher, die man genauer bestimmen muss, denn dieses Spielen ist eine ziemlich ernste Angelegenheit. Es geht um nichts weniger als die Selbstpositionierung des modernen Menschen durch Literatur, und um sein Verhältnis zum Imaginieren an den Grenzen von Realität. Dabei kommen die Vorstellungen dessen, was wir unter Religion verstehen, ins Schwimmen, Reflexion und Religion gehen neue Verbindungen ein. Dies wissenschaftlich zu fassen und die Konsequenzen zu bedenken, die das für unsere wissenschaftlichen Auffassungen hat, ist ein herausfordernder Horizont für eine kritische und selbstkritische Religionswissenschaft.

Interview: KIM BURGER

Bildquellen:

http://www.artsjournal.com/bookdaddy/Home_Photo_books.jpg

http://artslibrary.files.wordpress.com/2008/09/free_books_online.jpg

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Eine Antwort to “Religion in der Schönen Literatur – Ein Interview”

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  1. Religio Scienco – Religionswissenschaft 2.0 « "Ich würde es genauso wieder machen" (Sophie Scholl) - Mai 16, 2010

    […] Hare Krishna„. Oder über Religion in der Serie Akte X oder im Film Religulous oder in der schönen Literatur. Oder wie wär’s mit einem Picknick auf dem Friedhof?  Oder, oder, […]

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