Picknick auf dem Friedhof – Wo gibt’s denn sowas?

13 Mai

Die einen machen einen großen Bogen um ihn, wiederum andere feiern ihn sogar: den Tod. Ihn gibt es in jeder Kultur und in jeder Religion. Nur jeder geht anders mit ihm um.
Die Mexikaner feiern den Tod, da er als etwas betrachtet wird, vor dem man sich nicht zu fürchten braucht. Der Tod ist hier allgegenwärtig. Besonders deutlich wird dies am ,,Día de los Muertos“. Dieser ,,Tag der Toten“ entspricht den katholischen Feiertagen Allerheiligen und Allerseelen, und wird vom 31. Oktober bis 2. November gefeiert . Dieser wird in Mexiko aber ganz anders begangen als in Deutschland…

Dass der ,,Tag der Toten“ auf die gleichen Tage wie Allerheiligen und Allerseelen fällt, ist kein Zufall. Erfolglos hatten Missionare versucht, den Kult und die Religion der Indios auszurotten. Schließlich haben die Missionare dieses Fest auf  den ersten November verlegt. Somit wurde der ,,Día de los Muertos“ mit den christlichen Totengedenktagen Allerheiligen und Allerseelen verbunden. In der Vermischung  mit den christlichen Glauben entstand  ein einzigartiges kulturelles Fest, das die Bräuche des vorspanischen Mexiko teilweise weiterleben ließ.

Berühmt wurde der ,,Tag der Toten“ auf der Insel Janítzio im Pátzcuaro – See. In der Nacht vom ersten auf den zweiten November treffen sich eine Prozession aus Booten und schwimmenden Kerzen mit den Toten, die Geschenke erhalten.

Usprung bei den Azteken
Wie viel der Tod den Mexikanern bedeutet, wird vor allem am ,,Día de los Muertos“ deutlich. Schon die Azteken glaubten, dass das Leben nach dem Tod weitergeht. Der Tod beendet lediglich das Leben auf Erden, nicht aber die Existenz der Seele. Somit sahen die Azteken den Tod sogar als notwendig an, um neues Leben zu schaffen. Ihrer Auffassung nach ging es in drei verschiedene Totenreiche weiter.Die Mexikaner glauben heute zwar nicht mehr an diese drei unterschiedlichen Totenreiche, dafür aber weiterhin an ein Leben nach dem Tod. Hier wird der Tod als Teil des Lebens angesehen. Er wird auch nicht tabuisiert, wie es bei uns üblich ist.
Außerdem hat die Todesvorstellung in Mexiko ihre Wurzeln auch in der indianischen Welt. Hier wird der Tod als was Befreiendes und Freudvolles angesehen.
Nach altmexikanischem Glauben begeben sich die Toten einmal im Jahr zum Ende der Erntezeit zu Besuch ins Diesseits und feiern gemeinsam mit den Lebenden ein heiteres Wiedersehen mit gutem Essen, Musik und Tanz.
Dem Mexikaner ist der Tod vertraut und integriert ihn in seinen Leben. Er denkt oft an den Tod und hofft, wenn er ihm eines Tages begegnet, dass er dieses Treffen gelassen nimmt.

Der Mexikaner lacht dem Tod ins Gesicht
Dies bedeutet aber nicht, dass die Mexikaner keine Angst vor dem Tod hätten oder nicht trauern, wenn ein geliebtes Familienmitglied verstorben ist. Obwohl der Mexikaner sicher auch Angst vor dem Tod hat, versteckt er sich nicht. Er tritt ihm mit Ironie entgegen und lacht ihm herausfordernd ins Gesicht.
Octavio Paz schrieb folgendes über das mexikanische Verhältnis zum Tod:

,, Für einen Pariser, New Yorker oder Londoner ist der Tod ein Wort, das man vermeidet, weil es die Lippen verbrennt. Der Mexikaner dagegen sucht, streichelt, foppt, feiert ihn, schläft mit ihm; er ist sein Lieblingsspielzeug, seine treueste Geliebte.“

Schon Tage vor dem ,,Tag der Toten” dekorieren die Geschäfte ihre Schaufenster mit Totenköpfen und Skeletten. Auf den Märkten werden Kerzen, Skelette aus Draht und Pappmaché und Räucherwerk verkauft. Auch das Essen wird den Feiertagen entsprechend verkauft:
Bäckereien legen süßliches ,,Pan de muertos“ an, natürlich in Form eines Totenkopfes. Süßigkeiten – Geschäfte, dort ,,Dulcerías“ genannt, stellen Süßigkeiten in Skelett – und Calaveras – Form aus Zuckerguss und Schokolade her. Auch die Fenster zu Hause werden mit Totenköpfen dekoriert.

Die Kinder kommen zuerst
In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November werden dann in Mexiko zuerst die ,,Los Angelitos“, also die Seelen der toten Kinder, erwartet. Eine Nacht später, vom 1. November auf den 2. November, besuchen die anderen Toten ihre Verwandten.
In den frisch geputzten Häusern werden Gabentische, sogenannte ,, Ofrendas“ gedeckt, die voll sind mit lauter Leckerein: Lieblingsspeisen der Toten, Totenbrot in Form von gekreuzten Knochen, Zigarren, Alkohol, Früchte und vieles mehr. Für die verstorbenden Kinder gibt es zusätzlich Spielzeug.
Die Mexikaner sind überzeugt, dass gute Gerüche und schöne Farben den toten Seelen gefallen, obwohl sie nicht daran glauben, dass tatsächlich etwas vom Altar
gegessen wird. Auf dem Altar wird zusätzlich ein Photo des / der Verstorbenen gestellt, damit sich nicht ein falscher Besucher aus dem Jenseits zum Altar begibt.

Picknick auf dem Friedhof
Am 1. November gehen die Familien mittags zu den Gräbern, um diese zu pflegen und zu schmücken. Meistens werden hierfür sehr bunte Blumen hergenommen.
Für die Toten, die erst im letzten Jahr verstorben sind, wird ein Weg aus gelben Blüten bestreut, damit diese ihr Grab finden können.
Am Abend schließlich wird mit allen Familien auf dem Friedhof ausgelassen gefeiert: es wird gepicknickt, getrunken und gesungen; und von allem nicht zu wenig.

SERAPHINA NEJMIROK

Bildquellen

http://www.educared.org.ar/infanciaenred/pescandoideas/dia_de_los_muertos_lg.jpg

http://k53.pbase.com/o6/48/681948/1/70980000.IYADJi6Z.BPP_3214EMail.jpg

http://www.cristinaacosta.com/blog/wp-content/uploads/2009/10/Dia-de-los-Muertos-Skull-Candy-CristinaAcosta.jpg

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2 Antworten to “Picknick auf dem Friedhof – Wo gibt’s denn sowas?”

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  1. Religio Scienco – Religionswissenschaft 2.0 « "Ich würde es genauso wieder machen" (Sophie Scholl) - Mai 16, 2010

    […] Akte X oder im Film Religulous oder in der schönen Literatur. Oder wie wär’s mit einem Picknick auf dem Friedhof?  Oder, oder, […]

  2. Ist das normal? - Seite 2 - Oktober 21, 2011

    […] […]

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