Predigtlehre und Seelsorger – was macht eigentlich ein Religionswissenschaftler?

12 Mai

Wer kennt diesen Dialog nicht:

„Was studierst du denn?“
„Religionswissenschaft.“
„Aha. Also Theologie, oder?“
„Nein.“
„Und was macht man dann damit?“

Hat man zu Beginn seines Studiums noch voller Stolz die, meiner Meinung nach hervorragende Studienfachwahl verkündet, macht sich inzwischen bei der Frage nach ebendiesem schon entnervte Resignation breit. Nur sehr selten begegnet man jemandem, der sich wirklich die Mühe macht, über das eigentlich selbstredende Wort „Religions-Wissenschaft“ nachzudenken.

Doch sollte man die Hoffnung nie aufgeben. Also machte ich mich mit Zettel und Stift an einem kalten Novembertag auf, um vor der Ludwig-Maximilian-Universität und der Technischen Universität München einige Passanten, vornehmlich Studierende, zu befragen. Es kann ja wohl nicht sein, dass noch niemand etwas von Religionswissenschaft gehört hat, obwohl diese an der LMU seit nunmehr zehn Jahren existiert und immer höhere Studierendenzahlen aufzuweisen hat.
Ich befragte 24 Personen, davon sieben TU-Studenten und -studentinnen (und ein SZ-Abo-Verkäufer), zu ihrem eigenen Studienfach und ihrer Vermutung zum Inhalt des Studiengangs Religionswissenschaft. Außerdem durften sich die Befragten auch Gedanken darüber machen, welche Berufswege ein Religionswissenschaftler mit abgeschlossenem Studium einschlagen könnte.

Unterschiedliche Weltanschauungen
Genau die Hälfte, also zwölf Studenten und Studentinnen, haben immerhin vermutet oder gewusst, dass nicht nur eine bestimmte Religion, sondern unterschiedliche Weltanschauungen betrachtet oder verglichen werden.
Nur vier Befragte, davon drei TU-Studenten, assoziierten Religionswissenschaft direkt mit Theologie („Hat man da nicht Predigtlehre?“). Aber auch die Antwort eines Politikstudenten, die da lautete „Bibelgeschichte..?“ geht vermutlich wohl eher in Richtung Theologie.

Eine Lehramtsstudentin vermutete einen religionskritischen Ansatz unseres Studienfachs, und eine Sinologin stellte fest, dass das Forschungsfeld „Vieles“ umfassen kann, um sich anschließend die Frage zu stellen: „Was ist eigentlich alles Religion?“

Drei der befragten Studierenden der TU München hatten sogar eine ungefähre Ahnung vom interdisziplinären Charakter des Studienganges. Auf die Frage nämlich, was sie sich unter Religionswissenschaft vorstellen würden, antworteten zwei Elektotechnik-Studenten einstimmig: „Befassung mit Theologie, Ethik, Philosophie… und so“, und eine Architektur-Studentin ihrerseits: „Das Untersuchen von Überlappungen verschiedener Bereiche der Religion“.
Das klingt doch schon mal nicht schlecht.

Schleierhafte Berufsaussichten
Nun kommen wir zu der Frage, welche Berufsaussichten wir Studierenden der Religionswissenschaft zu erwarten haben.
Zwei der Befragten, nämlich eine Germanistin und ein Politikwissenschaftler (der jetzt aber zu VWL gewechselt hat), waren der Ansicht, Religionswissenschaftlern stünden die „typischen geisteswissenschaftlichen“ Berufe in Aussicht. Also irgendwie alles und nichts.
Drei Andere plädierten dafür, Religionswissenschaftler in den Dienst der Kirche zu stellen, als Priester, Seelsorger oder sogar Papst. Wem das nicht gelänge, sollte dann wohl den Vorschlag eines Politikstudenten befolgen und eine „neue Religion gründen.“

Wenn diese Pläne versagen, könnte ein Religionswissenschaftler laut der Vermutung von zehn Befragten auch einfach Lehrer oder Erzieher werden.
Beschäftigungen in „kulturellen Institutionen“ (Antwort eines Politikstudenten) oder im öffentlichen, gemeinnützigen oder sozialen Dienst (Vorschlag einer Theologie-Studentin) wären auch denkbar, ebenso wie „Psychologische Beratung, Seelsorge, Konfliktmanagement“ (laut eines Maschinenbau-Studenten).
Zwei Elektrotechnik-Studierende der TU würden Religionswissenschaftler im Journalistischen Bereich sehen, ein weiterer Vorschlag war „Autor“.
Eine Aufgabe im interreligiösen Dialog oder in der Integrationspolitik würde uns als Einzige eine Theologie-Studentin zuweisen.

Es bleibt natürlich auch noch die Möglichkeit, zu promovieren und als Wissenschaftler oder Dozent/Professor seine Erfüllung zu finden, was sieben der befragten Personen vorschlugen.

Die Auswertung der Ergebnisse überlasse ich an dieser Stelle dem Leser selbst. Natürlich soll diese kleine Befragung keinesfalls eine repräsentative Umfrage darstellen, sondern ist nur aus Interesse an den Antwortvariationen entstanden. Deswegen möchte ich nun zum Schluss die beste Antwort eines Elektrotechnik-Studenten der TU München nicht vorenthalten:

„Hallo, dürfen wir dich kurz eine Minute stören?“
„Ja.“
„Was stellst du dir unter dem Studiengang Religionswissenschaft vor?“
„Äh… keine Ahnung. Gar nichts.“
„Und was glaubst du dann, welchen Beruf ein Religionswissenschaftler ergreifen könnte?“
„Äh… nix.“

MIRIAM TRESCHER


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2 Antworten to “Predigtlehre und Seelsorger – was macht eigentlich ein Religionswissenschaftler?”

  1. Alex ReWi Februar 13, 2013 um 22:43 #

    „äh, nix“ trifft es leider. Ich frage mich immernoch, ob es eine gute Idee war Religionswissenschaft zu studieren, denn man hat als Theologe doch zumindest Berufsaussichten, wenn man in den Dienst von Religionen treten will. Wer das aus Gewissenschgründen nicht kann oder will bleibt wohl wahrscheinlich arbeitslos 😦

    • wendepunkte Februar 16, 2013 um 11:00 #

      Ja, Religionswissenschaft ist wohl wirklich ein Fach, für das man wirklich Leidenschaft empfinden muss, um es auch in den letzten Semestern noch genießen zu können ohne panische Angst vor dem Danach zu entwickeln.

      Der beste Weg ist immernoch: Semesterferien nutzen und herausfinden, wo sich noch andere Interessen finden, die sich im Idealfall mit Religionswissenschaft überschneiden und zu einem Beruf zusammenwürfeln lassen. Journalismus, Migrationswesen, Museumspädagogik, usw. wären Möglichkeiten dafür.

      Praktika helfen weiter, wobei ich persönlich mir auch ein gutes Alumni-Netzwerk wünschen würde, um zu sehen, was mit anderen Religionswissenschaftlern so passiert.

      Das Wichtigste ist aber wohl, nicht vor einer eventuellen Arbeitslosigkeit zu verzweifeln, sondern seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen: Wer weiß, was er oder sie kann und es im Idealfall auch schon mal bewiesen hat (Praktika, Werkstudententätigkeiten), bekommt auch einen Job – sagt eine Religionswissenschaftler, die Personalerin ist 😉

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