I want to believe – Religion in der Mystery-Serie Akte X

12 Mai

„Es ging um den Glauben, nicht um Religion oder Katholizismus. Für mich ist eigentlich der Gedanke des Glaubens das Rückgrad der ganzen Serie – Glaube an unsere eigenen Überzeugungen, unsere Vorstellungen von der Wahrheit – und deshalb hat sie immer religiöse Untertöne.”

Diese Worte stammen von niemand geringerem als Chris Carter, dem Erfinder der kongenialen amerikanischen Mysteryserie The X-Files, die in Deutschland unter dem Titel Akte X bekannt ist.
Auch wenn es inzwischen 15 Jahre zurückliegt, dass die erste von insgesamt 202 Folgen dieser  einzigartigen Serie ausgestrahlt wurde, und die Zeiten, in denen Akte X Kultstatus besaß und  gleichzeitig ein Massenpublikum anzog, lange vorbei sind, wird die Betrachtung dieser neun Jahre Fernsehgeschichte immer wertvoll bleiben: Akte X wurde zum Bestandteil der Populärkultur; die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser ermöglicht es weit über diese hinausgehende Rückschlüsse auf gesellschaftliche Denkmuster und Strukturen zu ziehen.

Scully und Mulder

Das Serienkonzept sei kurz in Erinnerung gerufen: Der Protagonist, der FBI-Agent Fox Mulder, bearbeitet Fälle, die als unlösbar eingestuft werden, und stellt dabei Theorien auf, die „paranormales“ Gedankengut enthalten, während seine Partnerin Dana Scully sich um konventionelle wissenschaftliche Erklärungen bemüht.
Meistens behält Mulder mit seinen Theorien recht, wobei es aber auch gelegentlich Fälle gibt, die ohne „übernatürliches Element” geklärt werden. Auffallend ist vor allem, dass die Episoden derart angelegt sind, dass häufig mehr als eine Deutungsmöglichkeit der Ereignisse plausibel ist.

Hierin besteht einer der größten Kunstgriffe der Macher der Serie: denn indem kein starres Deutungsschema vorgegeben wird, kann der Rezipient eine Deutung auswählen, die mit seinem Weltbild kongruiert. Dabei werden verschiedene Deutungsmuster angeboten, die die westliche Gesellschaft der Postmoderne ansprechen; es seien hier nur beispielhaft Verschwörungstheorien, Ufologie, Reinkarnationsvorstellungen und die christliche  Weltanschauung erwähnt. Somit spiegelt die Serie die vorhandenen Orientierungsmuster wider und wirkt zudem für eine große Zahl an Zuschauern sinnstiftend und  identitätsbildend.

„I want to believe“
Wie Carter sagt, steht in Akte X nicht die Vermittlung spezifischer Glaubensinhalte im Vordergrund. Es geht nicht darum, was, sondern darum, dass geglaubt wird, darum, sich wie die Protagonisten auf die Suche zu begeben. Dementsprechend steht in großen Buchstaben „I want to believe” auf dem legendären Poster in Mulders Kellerbüro. Dabei  handelt es sich um ein Leitmotiv der Serie, um Mulders Motivation für seine Suche nach der Wahrheit, die ihren Ursprung in seiner Suche nach seiner Schwester hat, von der er glaubt, sie sei als Kind von außerirdischen Wesen entführt worden.

Recht schnell wird im Verlauf der Serie klar, dass es im „Akte X – Universum“ wirklich Regierungsverschwörungen und Außerirdische, die planen, die Erde zu kolonisieren, gibt. Allerdings machen die Episoden, die davon handeln, einen relativ geringen Prozentsatz aus; die Mehrzahl der Folgen sind sogenannte „Stand Alones“, die auch als „Monster of the week“-Episoden bezeichnet werden. In ihnen werden vielfältige Thematiken aufgegriffen und innerhalb der jeweiligen Episode abgeschlossen. Als Beispiele seien Geistererscheinungen, mutierte Lebewesen, Experimente mit dunkler Materie und die Beeinflussung des Wetters durch Emotionen genannt.

Verdrehte Rollen
Spannend ist auch, dass die gewohnte (und, nebenbei bemerkt, unter genderspezifischem Blick für das Fernsehen ungewöhnliche) Rollenverteilung von Mulder, der nicht ohne Grund den Spitznamen „Spooky“ von seinen Kollegen verpasst bekam, als „believer“ und Scully als „sceptic“ dann vertauscht wird, wenn es um „Übernatürliches mit christlichen Kontext“ geht. Denn Scully ist nicht nur Wissenschaftlerin und Ärztin, sondern auch gläubige Katholikin. So nimmt sie in der Episode „Offenbarung“ die Prophezeiungen des Vaters eines Jungen, der die Wundmale des gekreuzigten Jesu aufzuweisen scheint, ernst, während Mulder jenen keine Beachtung schenkt und auch die Möglichkeit, es gebe jemanden mit echten Stigmata, kategorisch ablehnt.

Ähnlich verhält es sich in der Folge „Alle Seelen“, in der Scully an einen Kampf um die Seelen von Engeln glaubt, was Mulder als „crap“ bezeichnet. Mulders konfessionelle Zugehörigkeit ist bis heute unbekannt. Es scheint aber so, als sei  er Agnostiker oder Atheist. In der vorhin genannten Episode stellt er die Frage nach der Theodizee und äußert seine Zweifel an Menschen, die von sich behaupten, in Kontakt zu Gott zu stehen:

„Ja, Gott hat bestimmt seine Gründe, benutzt aber viele Irre zur Durchführung seiner Pläne.” Auch sagt er: „Wenn man mit Gott redet, nennt man das ein Gebet. Aber wenn Gott zu einem redet, nennt man das Schizophrenie.”

Allerdings antwortet er in der finalen Folge während des Enddialogs auf Scullys Frage, woran er glauben wolle:

„Ich möchte glauben, dass die Toten uns nicht verloren gehen. Dass sie zu uns sprechen, als ein Teil von etwas Größerem als uns – größer als irgendeine außerirdische Macht. Und wenn du und ich nun kraftlos sind, möchte ich daran glauben, dass, wenn wir ihnen zuhören, was sie einem sagen, es uns die Kraft geben kann, uns selber zu retten.“

Dies muss nicht, kann aber als Ausdruck eines Gottesglaubens interpretiert werden, sodass sich die Frage, ob Mulder an die Existenz Gottes glaube nicht objektiv beantworten lässt. Die subjektiven Rückschlüsse, die auf Mulders Gottes- bzw. Weltbild aufgrund  dieses Zitates gezogen werden stehen in direktem Kausalzusammenhang mit der Kosmologie des Deutenden.

Populärkultur in der Religionswissenschaft
Natürlich lassen sich die Weltdeutungen der Protagonisten, die in der Serie enthaltenen Orientierungsmuster und Sinnangebote sowie deren Wechselwirkungen mit denen der Rezipienten weitaus tiefergehend darstellen; Anliegen dieses Artikels war es aber in erster Linie, exemplarisch auf die Bedeutsamkeit der religionswissenschaftlichen Betrachtung von Populärkultur hinzuweisen. Akte X erscheint mir hierzu besonders geeignet, denn letztlich ist die Tatsache, dass Akte X wie kaum eine andere Fernsehserie die Gedanken und Ängste der westlichen Gesellschaft der neunziger Jahre einzufangen vermochte, womit sie gute Einblicke in deren Zeitgeist bietet,  einer der wesentlichen Faktoren für ihren Erfolg gewesen.

LAURA REIHER

Bildnachweise:

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Eine Antwort to “I want to believe – Religion in der Mystery-Serie Akte X”

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  1. Religio Scienco – Religionswissenschaft 2.0 « "Ich würde es genauso wieder machen" (Sophie Scholl) - Mai 16, 2010

    […] Tante Erna.  Oder etwas über das „Wirtschaftsunternehmen Hare Krishna„. Oder über Religion in der Serie Akte X oder im Film Religulous oder in der schönen Literatur. Oder wie wär’s mit einem Picknick […]

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