Core-Shamanism

11 Mai

Das Phänomen Neo-Schamanismus entstand Ende der 1960er Jahre durch die sogenannte New Age-Bewegung mit ihrem Interesse an veränderten Bewusstseinszuständen und „exotischer“ Spiritualität. Den ersten Impuls in diese Richtung lieferte dazu Carlos Castaneda mit seinen „Don Juan“-Büchern, in denen er eigene Erfahrungen mit Rauschmitteln, aber auch angeblich authentische, persönliche Lehren eines Yaqui-Schamanen beschreibt. Bald erreichte jedoch ein anderer Vertreter des modernen westlichen Schamanismus eine noch größere Popularität: Michael Harner, mit dem von ihm entwickelten Core-Shamanism oder Basis-Schamanismus.
Harner, promovierter Anthropologe, begegnete indigenem Schamanismus bei einer Feldforschung im Amazonasgebiet, wo er aus Forschungsgründen das örtliche Schamanengetränk aus der psychedelisch wirkenden Ayahuasca-Liane probierte. Die Visionen, die er daraufhin hatte, überzeugten ihn, so berichtet Harner das Erlebnis in seinem Buch „Der Weg des Schamanen“, von der Existenz einer anderen Wirklichkeit. In den folgenden Jahren beschäftigte Harner sich weiterhin intensiv mit Schamanismus, auch durch weitere persönliche Studien bei schamanistischen Gesellschaften in Nord- und Südamerika und eigene Experimente. Basierend darauf entwickelte er Thesen, die häufig von der Fachmeinung der Ethnologie abweichen und eher dem Zeitgeist und der allgemeinen westlichen Vorstellung von Schamanismus zu entsprechen scheinen. Harner zufolge hätte es überall auf der Welt und zu allen Zeiten Schamanen gegeben, auch in Europa, bis die Inquisition sie im Mittelalter verfolgt hätte.

Ganzheitliche Heilung
Die Hauptaufgabe eines Schamanen sei ganzheitliche Heilung. Zudem seien, selbst entgegen Harners eigener Initiationserfahrung, Rauschmittel zur Erzeugung eines schamanischen Bewusstseinszustands eher hinderlich und ihr Gebrauch im indigenen Schamanismus nur eine durch äußere Umstände erzwungene Ausnahme.
Noch wichtiger ist allerdings, dass Harner den, an Religionsphänomenologie erinnernden Anspruch erhob, durch Vergleich der verschiedenen Erscheinungsformen von Schamanismus die fundamentalen Techniken herauskristallisiert zu haben, die immer und überall praktiziert worden seien und allein dadurch bereits ihre Wirksamkeit bewiesen hätten. Die Techniken fasste er unter der Bezeichnung Core-Shamanism zusammen. Dieses System solle bewusst keine Dogmen und religiösen Kontexte beinhalten, damit jeder Praktizierende es ungehindert nutzen und in sein eigenes Weltbild einbauen könne. Zudem, so wirbt Harner, können die Techniken von allen Menschen leicht und mit nur ein wenig Konzentration erlernt und ausgeübt werden, sozusagen nach Feierabend.

Um sich ungehindert der Vermittlung seiner Methode widmen zu können, verließ Michael Harner den Universitätsbetrieb und gründete 1979 die Foundation for Shamanic Studies, damals zunächst unter der Bezeichnung Center for Shamanic Studies. Die meist mit FSS abgekürzte Organisation sieht ihre Aufgaben in der Sammlung, Bewahrung und Weitergabe von schamanischem Wissen, um westlichen Menschen zu helfen, ihr schamanistisches Erbe wiederzuentdecken und damit den Kontakt zu den Kräften und Geistern der Natur wieder herzustellen. Indigenen Völkern, die ihre eigenen schamanischen Praktiken durch Kolonisierung verloren haben, soll ermöglicht werden, diese durch die Harner-Methode wieder zu erlernen.

Kursangebot ist beliebt
Während das letzte Ansinnen von Betreffenden meist als imperialistisch kritisiert und abgelehnt wird, erfreut sich das Kursangebot der FSS seit ihrer Gründung in den USA und Europa so großer Beliebtheit, dass die FSS zu einer regelrechten Zentralinstanz geworden ist und andere neo-schamanische Gruppen sich dem Core-Shamanism angepasst haben, da Harner die Vorstellung von „richtigem“ Schamanismus so stark beeinflusst hat.

Das Kursprogramm der FSS ist derart gestaltet, dass Interessierte zunächst den Basiskurs besuchen müssen, in dem sie mit den Techniken vertraut gemacht werden und schließlich unter Anleitung durch rhythmischen Trommelklang in einen meditationsartigen Zustand gelangen sollen. In diesem Zustand sollen die Teilnehmer ihre erste schamanische Reise in die andere Wirklichkeit unternehmen, indem sie einen Abstieg in die Unterwelt visualisieren und dort ihrem Krafttier begegnen. Der nächste Schritt besteht dann darin zu lernen, den Kontakt mit diesem Krafttier oder Schutzgeist bewusst herbeizuführen. Nach der Teilnahme am Basiskurs gilt man als in den Core-Shamanism eingeführt und erhält ein Zertifikat, das den Teilnehmer als erfolgreich Schamanismus praktizierend ausweist. Dieses Zertifikat erlaubt den Besuch weiterführender Kurse und Workshops, zum Beispiel in Divination oder schamanischem Heilen.

Dabei erscheint die Ausrichtung der Kurse häufig an den regionalen Moden orientiert. Während also in Deutschland der Schwerpunkt auf Themen der nordischen und keltischen Mythologie liegt, werden in den USA Kurse in Schwitzhüttenzeremonien und Visionssuche angeboten.

Eher „Big Buissnes“ als Spiritualität?

Durch die großen Teilnehmerzahlen, vor allem in den Anfängerkursen, bleiben jedoch persönliche Betreuung und spirituelle Erfahrung oft zugunsten eines Gefühls von „Big Business“ zurück. Generell steht die FSS ihrer Vermarktungspraxis wegen häufig unter der Kritik der Kommerzialisierung. Dazu gehören nicht nur die Teilnahmegebühren für die Kurse und Beratungsangebote der FSS, die Möglichkeit, jedes für Core-Shamanism nötige Zubehör wie Lehrbücher und meditative Instrumentalaufnahmen über ihre Homepage zu beziehen – eine Möglichkeit, auf die Harner explizit in seinem Buch hinweist – sondern auch die Vergabe von Stipendien an Politiker und traditionelle Schamanen, die mit der FSS zusammenarbeiten.

Ungeachtet der Frage, inwieweit Schamanismus als reine Technik ohne religiösen Kontext überhaupt noch Schamanismus ist, ist Michael Harners Core-Shamanism also ein faszinierender Betrachtungsgegenstand, da er durch seine große Popularität, seinen Eklektizismus und prägenden Einfluss als Beispiel für die Wechselwirkung von Religion und Kulturwissenschaft und die Welle von Neo-Schamanismus und Neu-Heidentum seit dem 20. Jahrhundert steht.

NAOMI RECHEL

Quellen:
Harner, Michael: Der Weg des Schamanen. Das praktische Grundlagenwerk zum Schamanismus, München 2007³
Stuckrad, Kocku von: Schamanismus und Esoterik. Kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Betrachtungen, Leuven 2004

Bildquellen:

http://www.schamanismus-tantra.at/foto/mike/DSC00060.1jpg

http://www.fjordstone.com/shamanicmusicstore/images/harner.jpg

http://www.heilsame-klangkunst.info/images/trommelgruppe_570.jpg

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